Wann ist der „Scheißtag“? Ein Besuch in der Sprache von Schlampatatsch und Karfiol (Der Friedhof der Wörter)
„Sie sprechen ja ein verrostetes Deutsch!“ So schüttelten die Lehrlinge den Kopf, als Eduard Seifert vor sechzig Jahren seine Berufsausbildung in Tschechien begann. Dabei war er Klassenbester in Deutsch gewesen.
Wenn die Herrschaft wechselt, wechselt auch die Sprache – aber nie so vollkommen wie das Personal auf den Polsterstühlen der Mächtigen. In Reichenberg wuchs Eduard Seifert auf: Seine Eltern waren kaiserlich und königlich erzogen. Im großen Reich der Wiener Monarchie sprachen sie deutsch mit österreichischem Einschlag.
Eduard Seiferts Geburtsurkunde ist zweisprachig, denn in der neu gegründeten Tschechoslowakei achtete man zwei Sprachen. Auch als Nazi-Deutschland 1938 für knapp sieben Jahren das Land eroberte, blieb die gemischte Sprache: Deutsch mit tschechischen und österreichischen Einsprengsel.
„Den Klang dieser Sprache habe ich ein ganzes Leben im Ohr,“ sagt Eduard Seifert, der nach seiner Vertreibung in Mecklenburg wohnte und seit sechzig Jahre in Großlohra, im Norden Thüringens. Er hatte bisweilen das Europaparlament in Straßburg und Brüssel besucht, wenn es um die Landwirtschaft ging: Dann hatte er stets die österreichische und nicht die deutsche Übersetzung auf den Kopfhörer geschaltet.
Er freute sich, wenn er die Wörter seiner Jugend hörte: „Karfiol macht doch den Blumenkohl viel schmackhafter und Ribisln schmecken sprachlich viel besser als Johannisbeeren.“ 91 Seiten stark ist das „Österreichisch – Deutsche Wörterbuch“, das er vor kurzem gekauft hat.
Darin blätterte er, als er in der Kolumne der vergangenen Woche von der „Schlampenschleuder“ las; das Wort fehlt im Wörterbuch. „Ich müsste es hinter „Schlampatatsch“ einordnen. Das ist ein für deutsche Zunge etwas schwer auszusprechendes Wort und wird deshalb von meiner Frau mir gegenüber auch nur seltener als nötig gebraucht.“
Ein „Schlampatatsch“ ist ein „Mensch mit mäßig ausgeprägtem Ordnungssinn“. Und noch ein Wort fällt Eduart Seifert ein, das ich nicht mehr auf dem Friedhof beerdigen möchte – weil ich jetzt die österreichische Bedeutung kenne:
Der Scheißtag ist der 29. Dezember: An diesem Tag mussten die Dienstboten das nacharbeiten, was sie während des Jahres an Zeit durch Verrichten der Notdurft versäumt hatten. „Glückliches Österreich!“, kommentiert Eduard Seifert.
Dialekt und Grammatik: Wie Frau in Wien einen Mann anmacht (Friedhof der Wörter)
Was ist eine „Schlampenschleuder“? Brät darin eine Frau ihren Schwarm an?
Nein, wir sind nicht in der Friedhofs-Abteilung „weibliche Unwörter“, sondern beim österreichischen „Tatort“. In der vergangenen Folge, die Anfang März lief, haben hochdeutsch Geschulte viele Wörter einfach nicht verstanden.
Wer schon an den Ohrenarzt dachte und beginnende Schwerhörigkeit, der sei getröstet: Er hört noch gut, aber versteht eben schlecht – den österreichischen Dialekt, der wie eine durchgehende Nuschelei in den Ohren zerrt.
„Außer koid is der Melanie gar nix mehr“, sagt die Mutter über ihre Tochter, die jahrelang eingesperrt war und der sie gerade eine Wärmflasche gebracht hat. „Koid“ heißt kalt; weiter ist der Satz zumindest grammatisch weit von dem entfernt, was der Duden empfiehlt. Aber so sind Dialekte, und wer sie erhalten will, muss es ertragen oder darf sich sogar daran erfreuen.
Den Hinweis auf die „Untertitel“ im TV-Tatort haben die meisten nicht ernst genommen; aber in der Tat übersetzte die Fernseh-Redaktion das Genuschel ins Hochdeutsche. Ob sie auch die „Schlampenschleuder“ übersetzt hat?
Das Wort war allerdings klar zu vernehmen – und ein Auto war im Bild zu sehen. Die Schlampenschleuder ist ein altes Auto, dem man gut zureden muss, damit es wenigstens eine kurze Strecke fährt. Ob das Wort als weibliches Unwort beerdigt werden muss, können nur die Österreicher entscheiden.
Die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“, die nahe der österreichischen Grenze erscheint, nannte das Wort ein schönes Wort. Dass in Österreich eine Frau ihren Typ nicht anmacht, sondern „anbrät“, fanden die Redakteure in München auch schön.
Aufgefallen war den Münchnern auch der fehlende Genitiv, der in vielen Dialekten, nicht nur im österreichischen, ein Schattendasein führt. „Ich war schon auf beiden Seiten von der Tür“, sagt die Kommissarin und meinte: Sie hat schon Männer aus ihrer Wohnung rausgeworfen; und Männer hätten sie rausgeworfen.
Wem das passiert, für den ist der falsche Genitiv das geringere Problem.
Wolf Schneider zum Frauentag: „Der Inbegriff aller Weiblichkeit ist immer noch sächlich: das Weib“
Die Gender-Sprache führt zu einer „lächerlichen Verumständlichung“ des Deutschen, so berichtet die evangelische Nachrichtenagentur idea über einen Vortrag Wolf Schneiders beim Christlichen Medienkongress im Januar. Dort bekamen bibeltreue Christen zu hören, was Schneider beim „Luther-Disput“ in Erfurt am 4. Advent schon ausgeführt hatte: Alice Schwarzer und ein kleiner Klüngel von Feministinnen fühlen sich durch die Sprache diskriminiert; das ist aber töricht, denn das natürliche Geschlecht hat nichts mit dem grammatikalischen Geschlecht zu tun. „Der Inbegriff aller Weiblichkeit ist immer noch sächlich: das Weib.“
Beim Medienkongress ermahnt Schneider laut idea Pfarrer und Journalisten: Nehmt Euch ein Beispiel an Luther! Auch wenn Luthers klare Sprache unmöglich zu übertreffen sei, bleibe die Frage: „Muss die Mehrheit der Würdenträger so weit dahinter zurückbleiben, wie ich es hundertfach erlebe.“ Unverständlichkeit gelte inzwischen als Nachweis von Wissenschaftlichkeit gelte. Wenn Bischöfe von „Apostolizität“ sprächen, von „kybernetisch-missionarischer Kompetenz“ oder „situationsbezogener Flexibilität“, dann nutzten sie Wörter, „vor denen es einer Sau graust“. Wörter, die nur fünf Prozent der Deutschen verstünden, seien akademischer Hochmut und „die Pest“.
Schneiders Rat an Prediger und Journalisten:
> Lest täglich in der Lutherbibel!
> Nutzt kurze, konkrete und saftige Wörter!
> Schreibt schlanke und transparente Sätze!
> Sprecht Wörter mit wenigen Silben, denn alle großen Gefühle sind Einsilber wie Hass, Neid, Gier, Qual, Glück oder Lust! „Viersilbige große Gefühle gibt es nicht!“
Wer dagegen verstoßen wolle, dem rät Schneider: „Ehe Sie in einer Predigt fünf Silben verwenden, machen Sie fünf Liegestütze!“
Wer die deutsche Sprache loben und Anglizismen meiden möchte, den erinnert Schneider: Deutsch steht immer noch auf Platz vier der am meisten gelernten Sprachen weltweit – nach Englisch, Spanisch und Chinesisch.
Unwörter zum Frauentag: Glucken und Latte-macciato-Mütter
Welche Wörter sollten wir Frauen nie anhaften? Von Dinkelkeksen und Röhrenjeans erzählen die
Unwörter, die Redakteure der FAZ aufgespießt haben:
Glucken ist das Unwort für Mütter, die sich nur um ihre Kinder kümmern und sie niemals in eine staatliche oder kirchliche Einrichtung schicken. Die FAZ-Journalisten beweisen mit einem ironischen Schlenker, das sie Glucken nicht sonderlich schätzen:
„Verabscheut Fertiggläschen, lässt sich jedes Jahr zur Elternsprecherin wählen und fährt ihre Kinder auch noch mit 16 zum Klavierunterricht. Rächt sich für Lästereien von Rabenmüttern mit selbstgebackenen Apfelkleie-Dinkelkeksen.“
Rabenmütter sind schon erwähnt, sie sind das genaue Gegenteil der Glucken: Kaum aus der Entbindungs-Klinik entlassen sitzen sie schon wieder im Büro, machen Karriere und schauen sich allenfalls mal Fernsehfilme an, in denen Kommissarinnen, meist alleinerziehend, einen Mörder laufen lassen, um ihr hustendes Kind aus dem Hort abzuholen.
Latte-macciato-Mutter ist mit Sicherheit eine westdeutsche Wortschöpfung, die Leute im Osten gar nicht erst einführen sollten:
„Großstädterin mit Kleinkind, 1000-Euro-Kinderwagen und Röhrenjeans, die ihre Elternzeit mit ihren Freundinnen (auch mit Kleinkind, teurem Kinderwagen – mit Kaffeehalter – und knallengen Hosen) milchkaffeetrinkend in angesagten Cafes verbringen.“
Offenbar sind Milchkaffee-Frauen für die FAZ-Journalisten nicht nur Unwort-Verdächtige. Sie leben entweder mit ihnen zusammen oder kennen sie von Einladungen bei Kollegen, diese Frauen, „die auf Kosten des Staates und ihres (meist gutverdienenden) Mannes ein vermeintlich schönes Leben führen“.
Quelle: FAZ vom 1. März (Wirtschafts-Teil!) / Ergänzt wird die Unwörter-Liste durch:
> All-Nighter (Leute, die die Nacht durcharbeiten und bisweilen den Morgen nicht mehr erleben)
> Herdprämie („Ungefähr so sinnvoll, als würde man Fahrradfahrern dafür Geld geben, dass sie keine Autobahnen benutzen“)
> Nine-to-five-Job („Inbegriff der beruflichen Langeweile“)
> Vollzeitvater („Dreht das klassische Geschlechtermodell um: Nun ist er es, der sich beschwert, warum in Teilzeit keine Karriere möglich ist“).
Wer ergänzt die Liste der weiblichen Unwörter?
Redigierte und erweiterte Kolumne „Friedhof der Wörter“, Thüringer Allgemeine 10. März 2014
Die Unlogik der Sprache: Ist die Untiefe seicht oder tief? (Friedhof der Wörter)
„In einer Untiefe kann man nicht ertrinken“, tadelt ein Leser aus Weimar, nachdem er in einer der „Friedhof“-Kolumnen vom Ertrinken in den „Untiefen von Begriffen” gelesen hatte. „Die Vorsilbe ,un‘ verneint“, schreibt der Leser.
Das wäre schön und logisch, aber die zwei Buchstaben „un“ sind das Unsinnigste, was es in unserer Sprache gibt. Kaum eine andere Silbe hat mehr Bedeutungen:
• Sie bedeutet eine Verneinung wie in „unmöglich“, also: nicht möglich; oder in „unfreundlich“, also: nicht freundlich.
• Sie bedeutet eine Bejahung im Sinne einer Verstärkung wie in „Unmenge“, also: eine besonders große Menge.
• Sie bedeutet noch etwas anderes, etwas Unbestimmtes wie in „Unrat“, das den Rat weder verneint noch verstärkt.
Die „Untiefe“ ist die Krönung der Unlogik:
• Sie bedeutet – als Verneinung – sowohl „eine seichte Stelle“, etwa eine Sandbank;
• wie auch – als Verstärkung – eine „besonders tiefe Stelle“, einen Abgrund.
Der Duden lässt beide Bedeutungen zu, die Umgangssprache ebenfalls: Ein Kapitän mag nur die eine Untiefe, die besonders tiefe; ein Kind, das nicht schwimmen kann, mag nur die andere Untiefe, das seichte Wasser, in dem es stehen kann.
Der Dichter Hermann Conradi verwandelte das Hauptwort „Untiefe“ sogar in ein Adjektiv und schrieb diesen schönen, offenbar nicht mehrdeutig gemeinten Satz: „Bekanntlich bedanken sich ehrsame Bürgermädchen für allzu tiefes Eindringen in ihre, meistens untiefenhafte Persönlichkeit.“
Nichts für ungut, würde der Volksmund zu diesen Untiefen der Verneinung sagen. Der Liebhaber der Sprache resigniert eher und stöhnt: Wer beweisen will, wie unlogisch die deutsche Sprache sein kann, der stürze sich in die Untiefe.
Thüringer Allgemeine, Kolumne „Friedhof der Wörter“, 2. März 2014
Wie miserabel Kommunikations-Wissenschaft kommuniziert (Friedhof der Wörter)
Wie informieren sich Bürger über Politik? Wie kommen Politiker mit Bürgern ins Gespräch? Wie reagieren die Bürger, viele verdrossen, auf Politik?
Intensiv informieren sich Bürger in ihren Zeitungen, vor allem wenn es um die lokale Politik geht. Nur lesen die Jungen immer weniger und wandern ab ins Internet. Verändert das nicht nur die Gesellschaft, also unser Zusammenleben, sondern auch die Politik?
Solche und ähnliche Fragen soll die Wissenschaft von der „Politischen Kommunikation“ beantworten – und zwar so, dass sie jeder in einer Demokratie verstehen kann.
Schauen wir in ein Buch, dass der Chef der „Thüringer Landesmedienanstalt“ herausgibt und vom Bürger, genauer: vom TV-Gebührenzahler, bezahlen lässt. Das Versprechen des Buchtitels ist groß: „Die politische Kommunikation in Deutschland“.
Wer so angespornt durch 350 Seiten stolpert, liest vom „plastischen Bild der Typologie individueller politischer Kommunikation“, von der „Stabilität auf der Aggregatebene“, von „Internetdiffusion“, von der „begrenzten Zukunft für den Organisierten Extrovertierten und eine bedeutende Zukunft für den Bequemen Modernen“ – und das und noch viel mehr in einem 108 Wörter umfassenden Satz. Der Rest des Buchs ist ähnlich, ist wortschwallendes Schweigen, ist „liquide Demokratie“, die irgendwo ins Nichts fließt.
Am Ende bekommt das liquide Schweigen einen „Ausblick“: Die Welt ändert sich, die Gesellschaft ändert sich – aber wie? Das sind sich „an diese Arbeit schließende Forschungsfragen“. Es gibt also eine Fortsetzung, und die Landesmedienanstalt wird schon zahlen.
Zum guten Ende der komplette 108-Wörter-Satz aus „Politische Kommunikation in Deutschland – Eine typologische Längsschnittanalyse individuellert politischer Kommunikation“ von Angelika Füting (Vistas-Verlag), Seite 285:
Die Zusammenfassung der Ergebnisse zeichnet das plastische Bild der Typologie individueller politischer Kommunikation in Deutschland, resümiert die Stabilität auf der Aggregatebene und weist auf die wenigen Stammmitglieder auf der Individualebene hin, stellt den internetaffinen und jungen Bequemen Modernen vor dem Hintergrund der Internetdiffusion als den relevantesten Typ heraus, leitet aus der Altersstruktur eine begrenzte Zukunft für den Organisierten Extrovertierten und eine bedeutende Zukunft für den Bequemen Modernen ab, zeigt mit der Gegenüberstellung des Bequemen Modernen und des Organisierten Extrovertierten den Wandel in der politischen Kommunikation durch das Hinzutreten des Internets und weist auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Bequemen Modernen und Digital Natives bzw. der Internet-Generation hin (Kapitel 6.6.)
Thüringer Allgemeine 24. Februar 2014, Kolumne „Friedhof der Wörter“: Wenn Demokratie flüssig wird (hier erweiterte Fassung)
FACEBOOK-Kommentare
Raphael Raue (22.2.14)
Wenn man nichts versteht, dann sind immer die anderen Schuld? Sicher ist der im Artikel zitierte Satz mehr als unglücklich, aber daraus ein Vorfahrtsschild des journalistischen Schreibens zu konstruieren ist es ebenso. Eine Welt, in der nur der für jedermann verständliche Satz Bedeutung haben darf, wäre doch eine äußerst arme Welt, oder nicht?
Paul-Josef Raue (22.2.14)
Ach, Ihr Philosophen! Es kommt darauf an, die Welt zu verstehen. Also gebe ich mir Mühe, so zu schreiben, dass all die verstehen, die ich erreichen will. Ja, ich bin es schuld, wenn ich nicht verstanden werde: Ich gebe mir Mühe, und ich verlange nicht, dass sich der andere Mühe geben muss – um mich überhaupt zu verstehen.
Schreibe ich für eine Fachwelt, dann will ich auch nur von Wenigen verstanden werden: Also darf ich oder muss sogar eine eindeutige Spezialistensprache nutzen, so wie es Ärzte tun oder Piloten im Landeanflug.
Wer aber über Kommunikation in der Demokratie schreibt, wer sich seine Forschung vom Bürger bezahlen lässt, der hat sich gefälligst Mühe zu geben, um von allen verstanden zu werden. Und wenn er – wie in diesem Buch – nichts zu sagen hat, sollte er schweigen – und sich nicht hinter Soziologen-Jargon verstecken.
Das gilt übrigens in besonderem Maße für Journalisten: Schreib, damit sie Dich verstehen!
Ulf-Jochen Froitzheim (22.2.14)
„Eine Welt, in der nur der für jedermann verständliche Satz Bedeutung haben darf, wäre doch eine äußerst arme Welt, oder nicht?“
Eine arme Welt ist eine, in der sich Menschen keinerlei Mühe geben, für jedermann verständlich zu reden oder zu schreiben. Noch ärmer ist eine, in der Menschen etwas „ins Soziologische“ übersetzen, um ihre Fachwelt abzuschotten gegenüber denen, die mit ihren Steuern das Gehalt bezahlen.
Raphael Raue (22.2.14)
Zu Paul: Zustimmung. Deshalb wirkt das Buch unglücklich und Luhmann eben nicht.
Zu Froitzheim: Ich verstehe Sie einfach nicht.
Ulf-Jochen Froitzheim (22.2.14)
+Raphael Raue: Wenn Sie mich nicht verstehen, wie können Sie dann Füting oder Luhmann verstehen?
Um noch eins draufzusetzen: Wer einen Satz aus 108 Wörtern drechselt, muss(te) schon Dieter Hildebrandt heißen, damit kein Affront gegenüber seinem Publikum draus wird.
http://www.youtube.com/watch?v=mrSC6ylBGl0
Manuela Cranz (22.2.14)
wobei unverständliche Schreibe, kryptische Fachsprechsatz-Versatzteile meiner Erfahrung nach praktisch immer auf Faulheit des Schreibers hindeuten. Oder darauf, dass er selbst nicht verstanden hat, was er anderen Menschen eigentlich erklären sollte (und zu feige war, oft genug nachzufragen). Das Fach-Chinesisch wird oft aus Unsicherheit verwendet, weil Kollegen es für eine Art Sicherheitsnetz halten, das davor bewahrt, sich beim Schreiben als Nichtversteher zu outen. Manchmal muss man halt drei Mal fragen: Es kann ja auch dran liegen, dass der Experte nicht gut im Erklären ist.
Fremdwörter und deutsche „Arschkriecherei“: Wo kann man hier repunsieren? (Friedhof der Wörter)
Wenn sich Engländer über uns Deutsche lustig machen, dann amüsieren sie sich über unsere „sprachliche Unterwürfigkeit“ – wie es die „Times“ genannt hat. Walter Krämer, der dem „Verein Deutsche Sprache“ vorsteht, spricht sogar von „Arschkriecherei“:
„Viele Deutsche haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden.“
Dazu passt eine Geschichte, die Ludwig Reiners erzählt, der deutsche Sprachpapst, bevor Wolf Schneider das Amt geerbt hat:
Einige Herren treffen sich beim Wein und erfinden aus Spaß ein Fremdwort, das einfach sinnlos ist: „repunsieren“. Sie gebrauchen das Wort, als müsse es jeder kennen – etwa: „Gestern haben wir herrlich repunsiert.“ Und der Angesprochene erwidert: „Oh, war es interessant?“
In einem Lokal fragt einer der Fremdwort-Erfinden: „Herr Ober, wo kann man hier repunsieren?“ Und der antwortet: „Bitte geradeaus, zweite Tür links.“
Ludwig Reiners erzählt diese Geschichte im fünften Kapitel seiner „Stilkunst“: „Ein Streitgespräch über den Gebrauch von Fremdworten“ – und er folgert: „Nur bei Deutschen, die vor jedem fremdländischen Wort auf die Knie fallen, ist dies Experiment möglich.“
Thüringer Allgemeine, Kolumne „Friedhof der Wörter“, 17. Februar 2014
Burn-out bei Journalisten
Wer ausgebrannt ist, muss vorher gebrannt haben.
(nach einem „Streiflicht“ der Süddeutschen vom 14.2.2014, in dem von einer Langzeit-Studie unter Lehrern berichtet wird: „Viele Lehrer, die sich als ausgebrannt zurückzögen, hätten sowieso nie richtig gebrannt.“)
Showmaster am Händie: Falsche Fremdwörter (Friedhof der Wörter)
Wir Deutschen mögen Fremdwörter, um zeigen: Wir sind modern, global, international, also alles andere als provinziell, wir sind unschlagbar. Und wenn uns kein Fremdwort einfällt, dann erfinden wir eines.
Jürgen Pretzsch ist Aquarellmaler und Graphiker in Erfurt. Zum Geburtstag einer Freundin brachte er ein Quiz mit; eine der Fragen drehte sich um Fremdwörter:
„Was haben diese Wörter gemeinsam? Handy, Oldtimer, Showmaster, Mobbing …“
Die Antwort: Es sind falsche Fremdwörter.
Wer in New York in einen Laden geht und ein Handy kaufen will, der erntet Erstaunen oder Gelächter: Der Verkäufer weiß nicht, was sie wünschen. In Amerika ist unser Handy ein „Mobile“. Wir könnten es also durchaus deutsch schreiben: Händie.
Wer in Chicago einen Oldtimer kaufen will, wird vom Händler dem Opa vorgestellt: Oldtimer ist im Englischen ein alter Mann und kein altes Auto. Dafür ist unser „Beamer“ in Chicago ein BMW. Und unser Beamer heißt im Englischen: Projector. Das klingt für deutsche Ohren zu deutsch, also haben wir den Beamer – den Bihmer – erfunden.
Und wer glaubt, ein Mensch allein könne kein Wort erschaffen, der kennt Rudi Carrell nicht: Er sang „Showmaster ist mein Beruf“ – und schon hatte die deutsche Sprache ein neues Wort, das eine große Karriere gemacht hat.
Thüringer Allgemeine, Kolumne „Friedhof der Wörter“, 10. Februar 2014
Leseranwalt startet „Wörterwettbewerbsbeteiligungsaufruf“
„Der Wettbewerb um das längste Wort sollte mit dieser Zeitung nicht gewonnen werden“ schreibt Anton Sahlender in seiner Ombudsmann-Kolumne der Mainpost (Würzburg). Er nimmt eine Anregung aus diesem Blog auf: „Wer entdeckt das längste Wort des Jahres? 31 Buchstaben – oder mehr?“
Anton Sahlender schreibt in seiner wöchentlichen Kolumne:
Dieser Wörterwettbewerbsbeteiligungsaufruf (35 Buchstaben), hat den Nutzen, dass allzu lange Wörter in der Zeitung auch von Lesern entlarvt werden können. Der Aufruf soll zudem die Aufmerksamkeit in der Redaktion weiter schärfen. Denn zum journalistischen Handwerk gehört es, schwer lesbare Wortungetüme zu vermeiden. Deshalb soll sich ein „Fünfunddreißigbuchstabenwort“ (28 Buchstaben) bei mir nicht mehr wiederholen. Ich habe es lediglich zu Demonstrationszwecken (21 B.) gebraucht.
Allen Schreibern sei der Rat gegeben, schwer lesbare zusammengesetzte lange Substantive mit Bindestrich zu koppeln. Das entzerrt und macht sie leichter lesbar. Beispiel: Wort-Ungetüm.
Sinn macht das besonders dann, wenn drei Konsonanten zusammentreffen: Eisschnell-Lauf oder Fußball-Länderspiel. Koppeln sollte man nicht, wenn die zusammengesetzten Wörter durch ein sogenanntes Fugen-s verbunden sind, so wie Beteiligung(s)beitrag.
Erhalte ich viele Zusendungen von zu langen Wörtern aus dieser Zeitung, komme ich darauf zurück. Gut wäre es aber, wenn wir hier keinen Wettbewerbssieger mit Jahresbestleistung hervorbringen.
Anton Sahlender ist Mitglied der Chefredaktion der Mainpost, Leseranwalt, Sprecher der „Vereinigung der Medien-Ombudsleute“ in Deutschland und Mitglied der „Organization of News Ombudsmen“
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