Ätzendes Weihnachten (Friedhof der Wörter)
Johann Sebastian Bach nutzt in seinen Kantaten viele Wörter, die längst auf dem Friedhof ruhen. Wer spricht noch so wie Bach in seiner Kantate zum ersten Weihnachtstag: „Christen, ätzet diesen Tag“?
„Ätz, stöhn, würg!“ entdecken wir heute in der Jugendsprache, diese Ausrufe der Einfalt bevölkern Comics und durchdringen mit ihrer markanten Kürze jeden Disko-Lärm. „Ätzend“ findet ein Achtjähriger sowohl die Hausaufgaben wie den Blockflöten-Unterricht. „Ätzend“, man ahnt es, steht sogar im Duden.
Was ätzen die Bachschen Christen? Bach nutzt den chemischen Fachbegriff: Man ätzt mit Säure eine Form in ein besonders starkes Material – so dass es für die Ewigkeit hält.
„Christen, ätztet diesen Tag in Metall und Marmorstein“, lässt Bach den Chor weihnachtlich singen. Jetzt wissen wir auch, woher Drafi Deutscher den Einfall hatte zu seinem Schlager „Marmorstein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht.“
Unsere Sprache spreizt sich bisweilen von einem Extrem ins andere: Das ätzende Weihnachten des Johann Sebastian Bach ist ein überaus freudiges, das ätzende Weihnachten eines Jünglings unserer Tage meint für ihn einfach nur Schreckliches.
So wünscht der Totengräber der Wörter ein ätzendes Weihnachten und singt dabei mit Johann Sebastian Bach – eine ätzend schöne Weise.
Thüringer Allgemeine, 24. Dezember 2012
Luther, das rote „W“ und der Wechsel im Ausdruck (Friedhof der Wörter)
Martin Luther ist ein Vorbild für alle, die die deutsche Sprache schätzen. So luden denn die evangelischen Kirchen in Thüringen zum Adventsempfang in die „unbeheizte“ Augustinerkirche mit einem Vers von Luther, mit dem er gegen gewaltsame Missionierung predigte.
Wer die Menschen von Gott überzeugen will, vertraue nur dem Wort:
Predigen will ich’s,
sagen beabsichtige ich’s,
schreiben befördere ich’s.
Das ist korrektes Deutsch, so wie es Journalisten mögen und Germanisten, Lehrer und Pressesprecher. Korrekt ist es, denn den „Wechsel im Ausdruck“ fordern sie und empfehlen den Kauf eines Synonym-Wörterbuchs.
Luther hatte das Vermögen, korrekt schreiben zu können – aber auch das Glück, keinen neben sich zu haben, der bei jeder Wortwiederholung ein rotes „W“ an den Rand schrieb. Luther durfte sich wiederholen, er tat’s und pries so das Wort:
Predigen will ich’s,
sagen will ich’s,
schreiben will ich’s.
Zwei rote „W“ hätte die Deutschlehrerin Luther an den Rand geschrieben, vielleicht sogar vier, wenn sie auch das dreifache „Ich“ unerträglich fände. So nähme sie zwar den Schwung aus dem Reim, die Kraft aus den Worten und erschwerte das Verstehen, aber vermiede jede Wiederholung.
Nur – wenn ich dasselbe meine, dann sage ich dasselbe: Ein Sturm ist ein Sturm und bei der zweiten Erwähnung ist er immer noch ein Sturm und kein mächtiger Wind.
Für unsere stärksten Wörter finden wir keine Synonyme: Liebe und Hass, Sonne und Mond – es sei denn wir griffen zu gequältem Ersatz und sprächen von „jenem starken Gefühl“ und vom „glühenden Zentralgestirn“.
Nur wenn wir schwache Wörter schreiben, sollten wir Wiederholungen verbieten: Nicht zweimal „aber“ oder „kreativ“ oder „tun“. Auch bei „sollen“ oder „wollen“ reicht ein Mal – es sei denn jemand ist ein Meister wie Martin Luther: Sagen will ich’s, schreiben will ich’s!
Thüringer Allgemeine, 10. Dezember 2012
Der, die, das Gott (Friedhof der Wörter)
Ist Gott männlich oder weiblich? Die deutsche Sprache ist sich sicher: Gott ist ein Mann – eben: der Gott.
Die deutsche Familienministerin Schröder ist sich nicht sicher: „Man könnte auch sagen: das liebe Gott“, erklärt sie in einem Interview mit der Zeit. Da Interviews von Ministerinnen nicht einfach so in der Zeitung drängen, wird sich die Ministerin lange geprüft haben, ob sie eine sprachliche Panik-Attacke reiten soll.
Sie ist geritten – auch noch kurz vor Weihnachten, also in einer an Nachrichten armen Zeit. Es kam, wie es wohl geplant war: Ein kurzer Weihnachtssturm wütete. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) hat die Ehre Gottes in der Bildzeitung gerettet, dem Zentralorgan der deutschen Männlichkeit: „Dieser verkopfte Quatsch macht mich sprachlos.“
Katherina Reiche, auch eine Parteifreundin, sprach nicht von ihrer Sprachlosigkeit, aber stellte den Weihnachtsfrieden wieder her: „Der liebe Gott bleibt der liebe Gott!“
Nein, verehrte Politikerinnen: Frau Schröder hat den Sturm nicht verdient. Der, die, das Gott? „Der Artikel hat nichts zu bedeuten“, sagt sie im Interview, bevor sie Gott zur Sache macht.
Recht hat sie. Warum ist die Bibel weiblich? Die Kirche ebenso? Das Christentum sächlich?
Der Artikel taugt wenig zu ideologischer Auseinandersetzung. Schröders Pressesprecher hat sogar die Bücher des Papstes lesen müssen und wurde fündig: „Natürlich ist Gott weder Mann noch Frau.“
So wird der Weihnachtssturm zur warmen Brise, passend zum Frühlingswetter an Heiligabend. Wenn die Ministerin beim nächsten Fest wirklich die Entrüstung stürmen lassen will, nehme sie den Stellvertretern Gottes ihren Artikel: Das Papst, das Bischof, das Priester – da ächzt das Kirchengebälk! Denn Gott ist alles, aber der Papst bleibt ein Mann.
(Die Überschrift ist der Rhein Zeitung entnommen. Christian Lindner hat sie gewittert und in seine „Hall of Fame“ der besten Überschriften aufgenommen)
Thüringer Allgemeine (geplant für 27. Dezember 2012)
Wenn der Neger nickt (Friedhof der Wörter)
In der Eisenacher Georgenkirche feiert der Bachchor am ersten Advent ein Jubiläum: Der 200. Kantaten-Gottesdienst – mit Georg-Philipp Telemanns: „Nun komm, der Heiden Heiland“. Auch Johann-Sebastian Bach hat eine Kantate mit diesem Titel geschrieben.
Wer die Melodie hört, summt sie mit – sie ist in unseren Köpfen; den Text beachten wir nicht, wie so oft in den Kantaten aus den fernen Jahrhunderten. Die Musik bleibt, die Worte fliegen davon.
Die „Heiden“ stören, das Wort ist aus unserem Wortschatz gewichen, es passt nicht in unsere multi-kulturelle Gesellschaft, die eine multi-religiöse und gottferne geworden ist. Wir kommen uns schäbig, gar fremdenfeindlich vor, etwa die Besucher einer Moschee „Heiden“ zu nennen – auch wenn Muslime uns „Andersgläubige“ nennen; dabei schwingt noch die Bedeutung mit, die Bach mit den „Heiden“ verknüpfte.
Wir verbannen Wörter aus unserer Sprache, weil sie grausame Bilder aus der Geschichte mitschleppen, die der Kreuzzüge gegen die Heiden, das Morden und Zerstören in Gottes Namen. Oder aus unserer Erinnerung tauchen peinliche Bilder auf. In katholischen Kirchen standen vor nicht allzu langer Zeit noch Neger-Figuren, die – politisch inkorrekt – so genannt wurden. Sie standen in der Kirche und nickte mit dem Kopf, wenn man einen Groschen einwarf.
Von einigen Esoterikern abgesehen, die sich als neue Heiden verstehen, haben wir den „Heiden“ begraben. Nur am 1. Advent werden wir ihn nicht los, wenn wir Bachs und Telemanns Musik hören. Musik ist stärker.
Thüringer Allgemeine 3. Dezember 2012
Vor Taschendieben und Taschendiebinnen wird gewarnt! (Friedhof der Wörter)
Frauen sind die Benachteiligung leid, lehnen sich dagegen auf und erregen sich über die Sprache, die überwiegend männlich geprägt ist. Warum nur sind der Gott und der Mensch männlich?
Da haben in Jahrtausenden die Patriarchen Gott an ihre Seite gestellt und sich selbst über den Rest der Menschheit. Das ist Geschichte.
Die Klugen wissen, dass unser Fortschritt, unser Wohlstand und der Frieden in unserer Gesellschaft weiblich sind – und männlich zugleich. Das ist Gegenwart, wenn auch noch ein wenig Überzeugung für die Gestrigen zu leisten ist.
Aber, Ihr Kluginnen und Klugen, müssen wir uns dabei unsere Sprache verbiegen lassen? Kurz sei sie, verständlich und schön: Können wir uns darauf einigen?
„Ein Parallelität zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht (Genus und Sexus) besteht nicht“, steht im Impressum des „Infoblatt der Erfurter Landtagsabgeordneten der Linken“. Das klingt ein wenig gestelzt, soll aber bedeuten: „Der“-Wörter schließen Frauen mit ein – „der“ Mensch ist auch weiblich, immer und überall.
Doch die Linken halten sich in keinem Artikel ihres Infoblatts daran. Allein fünf Mal erscheinen in einem Artikel die „Lehrerinnen und Lehrer“, einmal dazu „Sozialarbeiterinnen und -arbeiter“ und „Kolleginnen und Kollegen“; in den anderen Artikeln stehen Politikerinnen und Politiker, Kleinkünstlerinnen und Kleinkünstler, Seniorinnen und Senioren.
Wie wäre es im nächsten Infobrief mit einer Meldung wie dieser: „Gleichstellungspolitiker und Gleichstellungspolitikerinnen und die beauftragen Vertreterinnen und Vertreter laden die Abwesenheitsvertreterinnen und Abwesenheitsvertreter ein, die von Bad Langensalzerinnen und Bad Langensalzaer gewählt worden sind.
Ach, zudem ist unsere Sprache ungerecht auch zu den Männern: Warum ist die Brüderlichkeit weiblich und der Hampelmann männlich? Die Liebe weiblich und der Hass männlich? Der Verbrecher männlich und der Sündenbock und der Taschendieb – oder haben Sie schon einmal gelesen: Vor Taschendieben und Taschendiebinnen wird gewarnt?
Sprache in Auflösung: Sätze, die keine Sätze sind
Eine Marotte macht Schule: Nimm den zweiten Teil eines Satzes, setze davor einen Punkt und verunstalte ihn zu einem eigenständigen Satz ohne Subjekt, ohne Prädikat, ohne Sinn und ohne Verstand.
Die Marotte, die manche als literarisch rühmen, ist nicht nur im Feuilletons zu finden, sondern auch im Sportteil, wie in der FAZ vom 23. November 2012:
Auch wegen Mario Götze, der gegen Ajax drei Treffer, erzielt von Reus (8. Minute) und Lewandowski (41./67.) mit zielstrebiger Eleganz vorbereitete, und das 2:0 nach einem seiner spektakulären Sololäufe selbst erzielte (36.).
Das ist der komplette Satz. Er gehört zum Satz, an den er anschließt:
Alles scheint inzwischen möglich für dieses Perpetuum mobile des Meistertrainers Jürgen Klopp.
Statt des Punkte hinter Klopp wäre ein Gedankenzeichen sinnvoll. Der „auch-wegen“-Satz wird zudem unverständlich
1. durch drei Klammern,
2. durch fünf Zahlen (die ans Ende des Textes in eine Übersicht gehören),
3. durch ein Komma, das fehlt hinter „Lewandowski“, am Ende der Apposition zu „Treffer“,
4. durch ein Hängeverb: Zwischen „Götze, der gegen Ajax drei Treffer..“ und „vorbereitete“ stehen neun Wörter,
5. und durch den zweiten Relativsatz, der nicht mehr erkennbar ist, weil das zweite „der“ fehlt: „und (der) das 2:0 selbst erzielte“.
Es bleibt ein Geheimnis des Autors, warum Götze einen Vornamen bekommt, Reus, Lewandoswki und Hoesen aber keinen bekommen
Im folgenden Satz hemmt ein Klammerverb das Verstehen:
Das eine Törchen für Ajax durch Hoesen (86.) nahm er von der Bank aus, auf die er in der 70. Minute unter donnerndem Applaus von rund 5000 Dortmunder Fans gewechselt war, en passant zur Kenntnis.
Zwischen „nahm er…“ und „…zur Kenntnis“ stehen 23 Wörter und Zahlen mit einem eingeschobenen Nebensatz. Diese Umklammerung ist unverständlich, aber in der deutschen Grammatik korrekt – im Gegensatz zur englischen. Diesem Unsinn können wir nur ein Ende bereiten, wenn wir zwischen die beiden Verbteile maximal fünf Wörter stellen und nie ein Nebensatz.
(zu: Handbuch-Kapitel 22 Warum alles Informieren so schwierig ist + 27 Vorsicht, Zahlen!)
Oma sagt für „Ich muss mal uff Klo“ stets „Austreten“ (Friedhof der Wörter)
Alles Blödsinn? Alles Kokolores? Nach dem Wort des Jahres, nach dem Unwort des Jahres, dem Jugendwort des Jahres wird auch das Rentnerwort des Jahres gewählt. Das ist Kokolores, das ist das Rentnerwort des Jahres, gewählt von den Hörern des Berliner Jugendradios „Fritz“.
„Belästigt Eure Omas und Opas!“, forderte der Sender seine jungen Zuhörer auf, die den Schlagerabend ihrer betagten Altvordern „Gammelfleischparty“ nennen.
„Mein Opa sagte zu Jeans immer Nietenhose“, erzählt Charlotte aus Pankow. „Meine Schwiegeroma nennt Jeans gern Manchester-Hose – dies bitte so deutsch aussprechen wie möglich, nicht wie die britische Stadt“, schreibt Sophie
Christoph erinnert sich an „Piependecker für Base Cup“, und Tanja wundert sich immer noch, dass die Oma für „Ich muss mal uff Klo“ stets „Austreten“ sagt. Franzi findet „Knilch“ sehr schön – „wenn meine Oma mal wieder fragt, ob ich einen Freund habe“.
Die Abstimmung zum Rentnerwort verlief spannend: 16 Prozent stimmten für Kokolores – ein Wort, das in den goldenen zwanziger Jahren entstand in den Berliner Salons der Reichen; wer Kokain schnupfte, erzählte unentwegt Unsinn, eben Kokolores.
14 Prozent stimmten für Stanniolpapier und 13 Prozent für Rabauke, das ist ein altes niederdeutsches Wort für einen Randalierer und Rüpel, das seine Wurzeln im Lateinischen hat.
Larifari und Firlefanzerei, Mumpitz und Tinnef, Pipapo und Brühkaffee, Mischpoke und Rotzbengel: Diese Wörter entdeckten die Jungen auch noch – und finden sie schön.
Kolumne der Thüringer Allgemeine, geplant für 19. November 2012
Warum „Sandy“ zum Monster wird (Friedhof der Wörter)
Sandy ist ein netter Name. Wir stellen uns Sandy als freundliche junge Frau vor, die bald einen ebenso freundlichen jungen Mann heiraten wird. Sandy war ein netter Name. Seitdem Wissenschaftler den Sturm, der Teile von New York verwüstete, Sandy nannten, hat Sandy seinen freundlichen Klang verloren.
Zu allem Überfluss haben wir Deutschen „Sandy“ auch noch einen Vornamen gegeben: Monstersturm. Der kommt im Wortschatz der Meteorologen gar nicht vor: Hurrikan und Orkan sind die Steigerungen von Sturm, also prägnante, Schrecken andeutende Wörter. Warum greifen wir zum „Monster“, wenn wir kurze und starke Wörter nehmen könnten?
- Zum einen ist es die Sorge, als unwissenschaftlich gescholten zu werden: Die Experten hatten den Hurrikan zum Sturm abgestuft.
- Zum anderen ist es die berechtigte Sorge, dass „Sturm“ harmlos klingt angesichts der Opfer und Zerstörungen. Da erinnern wir uns an die Kraft der Legenden, über die wir sonst eher lächeln.
Wenn sich Menschen in den alten Zeiten wehrlos fühlten gegen die Natur, verwandelten sie Unwetter und Katastrophen in lebende Wesen – etwa in einen Drachen, der eine Stadt bedroht, Menschen vertilgt und schließlich von Georg, dem Helden, getötet wird. Die Zeit der Drachen ist nie vorbei.
Unser Drache heißt Monster, ist ebenso hässlich und groß. Und wenn wir, die alles beherrschen wollen, die Natur nicht beherrschen, machen wir es wie die Alten und erfinden uns einen Drachen.
Thüringer Allgemeine 12. November 2012
Der Zauber des Sonntags (Friedhof der Wörter)
Warum heißt der Sonntag überhaupt Sonntag? Vor zwei Jahrtausenden betrachteten die Römer die Planeten, wählten sieben aus und gaben den Wochentagen ihren Namen.
Dem Lieblings-Gestirn, das Licht in Überfülle schenkt, ebenso Wärme und Leben, der Sonne also widmeten die Römer den ersten Tag der Woche: Sonntag, der Tag der Sonne.
Auch wenn der Sonntag – wie in der Schöpfungsgeschichte – auf den letzten Tag der Woche gerutscht ist, bleibt der Zauber: Die Sonne erfreut uns an keinem Tag mehr als an diesem, meist freien Tag der Woche; fehlt sie, sinkt die Stimmung, nicht selten auch an den Tagen danach.
In ihrem Zukunft-Roman „Die Verratenen“ erzählt Ursula Poznanski von der Zeit nach der „Langen Nacht“, als die Erde in Dunkelheit und Kälte gefallen war. Während der Langen Nacht haben die Menschen auch die Wörter verändert, entzaubert. Der Sonntag heißt nicht mehr Sonntag – „weil die Menschen nicht an eine Sonne erinnert werden wollten, die sich ihnen nicht zeigte“.
Wörter bergen einen Zauber in sich. Sie entwerfen ein Bild, das uns verzaubert, in gutem wie im schrecklichen Sinne.
Viele neue Wörter, die wir erfinden, lassen noch nicht einmal den Zauber ahnen. Wer spürt schon einen Zauber, wenn er liest: Elektrizitätswirtschaftsorganisationsgesetz oder Nahrungsmittelunverträglichkeit?
Thüringer Allgemeine 29. Oktober 2012
Martin Walser, der Dichter des Bandwurm-Wortes
Warum lieben wir Deutschen Bandwurm-Wörter? Warum mögen wir es kompliziert, wenn es doch einfach geht – und wenn einfach sogar schön ist?
Ein Wort verliert mit jeder Silbe seine Kraft, erst recht mit jeder überflüssigen Silbe. Schopenhauer, der Philosoph, spottete schon über die Wortdreimaster. Den hinteren Mast kann man oft einfach entfernen, schlägt er vor.
Was ist der Unterschied zwischen Glatteisbildung und Glatteis? Glatteis ist nur glatt, wenn es sich gebildet hat.
Und was der Unterschied zwischen Rückantwort und Antwort? Also können wir oft auch den vorderen Mast entfernen und bekommen ein kurzes, kraftvolles Wort.
Der Dichter des Bandwurmwortes ist Martin Walser. In seinem neuen Roman „Das dreizehnte Kapitel“ strapaziert er die Geduld der Leser, indem er neue Wörter erfindet – lang, länger, am längsten. Eine Auswahl:
- Gefühlsausführlichkeiten
- Zudringlichkeitsverfasser
- Unerwachsenheiten
- Voraussetzungslosigkeit-Beziehung
- Mittagsonnenfarbe
- Tannenwipfelwiegen
Wenn wir ein Hauptwort mit einem anderen kuppeln, zerstören wir seine Anschaulichkeit. Walsers „Gewohnheitskäfig“ brennt kein Bild in unserem Kopf – Im Gegensatz zum „Käfig voller Gewohnheiten“.
Und mein „Bandwurmwort“ kann auch anschaulich werden: „Wörter, so lang wie ein Bandwurm“.
Aus der Thüringer Allgemeine vom 22. Oktober 2012
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