Schlussverkauf beim Segeln (Friedhof der Wörter)
„Salem aleikum“ ist arabisch und bedeutet: „Friede sei mit Euch!“. So begrüßen sich die Menschen von Istanbul bis Mekka. Arabisch zieht auch in die Werbung unserer Kaufhäuser ein, ein bisschen abgewandelt, wie wir es im Vielsprachen-Kauderwelsch unserer Tage gewohnt sind: „Sale“.
Wir verwandeln dabei den arabischen Frieden in einen deutschen Schlussverkauf. Unsinn, sagen Menschen, die der englischen Sprache mächtig sind. „Sale ist englisch und wird ganz anders ausgesprochen, nämlich: sähl.“
Wer des Englischen weniger kundig oder unkundig ist, wird fragen: Was hat der Schlussverkauf mit dem Segeln zu tun? In der Tat liegt die Aussprache von „sale“ wie „kaufen“ und „sail“ wie „segeln“ nahe beieinander. Um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben, hat „sale“ im Englischen eine Doppelbedeutung: der ganz normale Kauf zu normalen Preisen ebenso wie der Schlussverkauf.
Bei so viel Verwirrung wundert man sich über den rasanten Aufstieg des Wortes „Sale“ im Deutschen, erst recht in deutsch-arabisch-englischen Kombinationen wie „Sommer-Sale“.
Werbe-Experten begründen den „Sale“ mit der Kürze des Wortes: Es springt den Käufern ins Gesicht, kann in Riesenbuchstaben geschrieben werden − im Gegensatz zu den drei Silben des deutschen „Schlussverkauf“, die zudem so reizvoll zu lesen sind wie ein Bußgeldbescheid.
Beide Wörter taugen nicht: „Schlussverkauf“ ist lustlos, „Sale“ für viele unverständlich. Wem fällt ein Wort ein, verständlich und schön?
Ein Lob für das Semikolon im: Friedhof der Wörter
Wie viele Satzzeichen kennt die deutsche Sprache? Die meisten Deutschen, so sie überhaupt noch schreiben, kennen nur zwei: Punkt und Komma. Mitunter schleicht sich noch das Fragezeichen an den Schluss eines Satzes; aber selbst Fragen enden oft mit einem Komma: „Warum hast Du mich verlassen, frage ich dich“, schreibt der Freund der Freundin.
Warum vergisst er hinter „verlassen“ das Fragezeichen?, frage ich.
Fünf Satzzeichen haben die meisten Zeitgenossen schon begraben: Fragezeichen, Doppelpunkt, Ausrufezeichen, Semikolon – und Gedankenstrich. Ein Leser trauert vor allem dem Semikolon nach, dem Strichpunkt; er fragt: „In den Texten der Zeitung muss man lange nach einem Semikolon suchen; oder irre ich mich da?“
In einer beliebigen Zeitungswoche entdeckt unser Archiv 74 Semikolons in allen redaktionellen Texten der Thüringer Allgemeine. Das ist wenig, zu wenig.
Das Semikolon lässt einen Satz schweben. In einer Geschichte von Bertolt Brecht erzählt Herr Keuner, der Elefant sei sein Lieblingstier: „Er hat eine dicke Haut, darin zerbrechen die Messer.“
Die meisten würden einen Punkt setzen vor dem Satz, den Herrn Keuner folgen lässt: „Sein Gemüt ist zart.“ Brecht setzt ein Semikolon, er haucht den Satz noch nicht aus, er bringt eine überraschende Wendung, die ein Punkt verstören würde.
Das Komma ist zu wenig, der Punkt ist zu viel – da lockt das Semikolon; zudem erspart es Brecht, ein „aber“ einzufügen („Sein Gemüt ist aber zart“).
So lesen wir bei Brecht über den Elefanten: „Er hat eine dicke Haut, darin zerbrechen die Messer; sein Gemüt ist zart.“
Was der Dichter vermag, soll uns alle locken. Statt der Monokultur des Punkts bietet unsere Sprache die Vielfalt der Satzzeichen: Nutzen wir sie!
Diskriminieren wir Frauen in der Zeitung? (Friedhof der Wörter)?
Ist es eine Beleidigung wenn Zeitungen, über Frauen schreibend, weder Vornamen noch Funktion erwähnen? Wenn sie nur schreiben: „Merkel sagte“ statt: „Bundeskanzlerin Merkel sagte“ oder „Angela Merkel sagte“ oder „Frau Merkel sagte“?
Also noch einmal die Sprache und das weibliche Geschlecht: Gelten für Frauen andere Regeln als für Männer? Diskriminiert die Sprache, weil die Mehrzahl der auf Menschen bezogenen Wörter männlich sind – also der Mensch ohne Menschin, man ohne frau, jemand ohne jefraud und niemand ohne niefraud?
Eine Leserin sieht die Frauen in der Zeitung diskriminiert – und im Zweifelsfall die Männer auch, wenn sie sprachlich nackt in den Zeilen stehen. Zu bequem? Gar faul?
Nein, es ist Gewohnheit. Es gilt in den meisten Redaktionen die Regel: Bei der ersten Erwähnung im Text wird der komplette Name nebst Berufs- oder Funktionsangabe geschrieben, also „Bundeskanzlerin Angela Merkel“; danach geizen die Redakteure mit den Wörtern, sie schreiben nur noch ein Wort, entweder „Merkel“ oder „die Kanzlerin“.
Diese Regel war in der Frühzeit der Übermittlung von Nachrichten nützlich: Wer ein Telegramm schrieb, geizte mit den Buchstaben; wer zuschauen konnte, wie sich im Nachrichten-Ticker die Wörter aufbauten, der wollte so schnell wie möglich die Nachricht senden und verzichtete auf alles, was überflüssig war.
Doch auch in den frühen Jahren des Journalismus galt die Höflichkeit mehr als die Schnelligkeit: Frauen bekamen immer „Frau“ als Vornamen, die Männer nicht den „Herrn“ (was nicht sonderlich auffiel, weil zu den Mächtigen in der Regel nur Männer zählten). Diese altmodisch erscheinende Höflichkeit gilt immer noch in der konservativen „Frankfurter Allgemeinen“: Merkel ist stets „Frau Merkel“, doch der französische Präsident schrumpft zu „Hollande“, ohne Herr.
Aber diskriminiert man/frau die Frauen nicht schon,wenn man/frau sie anders beschreibt als die Männer?
(aus: Thüringer Allgemeine vom 23. Juli 2012)
Im Hausbuch von „dpa“ von 1998 steht unter dem Stichwort „Frauen“:
Bei der Nennung von Frauen verzichten wir auf die Anrede, nachdem wir den Vornamen erwähnt haben. Also nicht „Frau Süssmuth sagte…“, sondern „Süssmuth sagte…“
Hinweise auf das Geschlecht von Personen sind nur dann zulässig, wenn sie von Bedeutung für die Sache sind. Ob eine Regierungschefin verheiratet, unverheiratet, Mutter oder kinderlos ist, ist ebenso wenig oder ebenso sehr wie bei ihren männlichen Kollegen erwähnenswert.
Diskriminierende Bemerkungen über das Geschlecht sind zu unterlassen…
Im Stylebook von AP von 2007 steht unter dem Stichwort „courtesy titles“:
Use the courtesy titles Mr., Miss, Ms. oder Mrs. only in direct quotations.
Die Finanzkrise auf schwäbisch (Friedhof der Wörter)
Erklär mir mal die Krise!, fordern die Bürger. Selbst der Präsident der Bürger fordert von der Kanzlerin: Erklär uns die Krise!
Dabei gibt die Kanzlerin unentwegt Erklärungen ab, spricht kurz vor Sonnenaufgang – nach zehnstündiger Sitzung – noch in die Mikrofone. Als sie einmal doch lieber ins Hotelbett hüpfte, statt eine Pressekonferenz zu geben, verdarb ihr der italienische Regierungschef den Tag; er sprach munter, aber berechnend falsch, von seinem Erfolg und beherrschte damit die Frühnachrichten.
Jedes Wort hat seine Zeit. Die Kanzlerin darf nicht einfach losplappern, sie muss jeden Satz genau wägen, so wie es ein Konzernchef tun muss, der seinen Quartalsbericht für die Börse erläutert. Ein falsches Wort zu falscher Zeit, ein etwas zu langes Zögern – und schon werden die Händler an den Börsen noch nervöser, als sie schon von Natur aus sind.
Jenseits von EU- und Pressekonferenzen sind die Mächtigen lockerer, spielen schon mal mit den Wörtern. „Ich formuliere es mal auf schwäbische Art“, sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble, als er vor Managern in Erfurt sprach, frei zudem, ohne ins Manuskript zu schauen. „Schwäbische Art“, also die Sprache seiner Mutter, heißt: Legt bitte nicht alles auf die Goldwaage!
Die Welt ist gar nicht so kompliziert! Oder wie Schäuble meinte: „Manche drücken es so kompliziert aus, bis sie es selber nicht mehr verstehen.“
Ein Beispiel für Schäubles Schwäbische, mit einem elegant ironischen Unterton? „Gibt man den Mächtigen die Notenpresse, dann drucken sie das Geld – auch wir, wenn auch ein bisschen später als die Sozis.“
Nicht nur das Wort, auch der Ton macht die Rede. Das Schwäbische gefiel dem Erfurter Sparkassen-Chef Bauhaus so gut, dass er öffentlich leichtsinnig wurde: „Herr Schäuble, Sie gehören zu den Ministern, dem ich persönlich mein Portemonnaie geben würde.“ Persönlich sogar!
(aus: Thüringer Allgemeine vom 16. Juli 2012)
Sprache und Politik: Myanmar oder Birma? (Friedhof der Wörter)
Opposition in der Militärdiktatur, 15 Jahre Hausarrest, Friedensnobelpreis und am Ende Freilassung und Einzug ins Parlament: Das ist, in Kürze, das Leben von Aung San Suu Kyi – aus Birma? Oder Myanmar?
Die zierliche Frau mit dem starken Willen nennt ihr Land: Birma (oder „Burma“ in der englischen Version). Die Diktatoren haben jedoch das Land 1989 umbenannt: Myanmar – ein neuer Staatsname als Signal für eine neue Zeit. Auch die aktuelle Regierung will den neuen Namen halten und rügt die Oppositionelle: Vergiss Birma!
Und wie halten wir’s in Deutschland? Lassen wir uns von Diktatoren mit Blut an den Händen diktieren, wie wir unsere Sprache benutzen?
Die „Tagesschau“, „Heute“ und immer mehr Zeitungen folgen den Machthabern und tauschen Birma gegen „Myanmar“ ein.
Als vor knapp dreißig Jahren in Teheran eine weltliche durch eine religiöse Diktatur abgelöst wurde, trennten wir uns von dem schönen „Persien“ und nannten das Land, ohne Not, „Iran“ – ein schmuckloses Wort, das sich kaum vom „Irak“ unterscheidet: Man muss schon genau hinhören. Zum Glück gibt‘s noch die Perser-Teppiche.
Andere Völker sind nicht so devot. Die Franzosen nennen uns immer noch Alemannen nach einem kleinen Volksstamm im Südwesten; die Engländer bleiben bei den Germanen und denken gar nicht daran, uns „Deutsche“ zu nennen.
Unsere Sprache gehört nur uns! So selbstbewusst geben sich die großen Sprachen dieser Welt. Wir dagegen laufen jedem Diktator hinterher, biedern uns an – und müssen uns von einer selbstbewussten Friedensnobelpreisträgerin belehren lassen.
Endlich! Die Süddeutsche „in dezent anderem Gewand“
Ohne Pauken, ohne Trompeten kündigt die Süddeutsche an, am Montag das Blatt aufzuräumen: Neue Schrift, weniger Staub, leichtere Orientierung. Die Bilder sollen nicht größer werden, die Texte nicht kürzer, wenn sie nur gut sind.
So schreibt Kurt Kister, der Chefredakteur, am heutigen Samstag auf der Titelseite: „Schrift-Wechsel. Von Montag an erscheint die SZ in dezent anderem Gewand“. Nichts Konkretes ist zu lesen, dennoch sind die 75 Zeilen Relaunch-Ankündigung ein Muster für alle, die ihren Lesern (und Redakteuren) die Furcht vor der Veränderung nehmen wollen:
1. Nichts andern! Denn – „Zeitung ist auch Gewöhnung und Ordnung“. Und, nächste Warnstufe: „Eine Veränderung des Erscheinungsbildes ist riskant, denn für viele Leser gibt es nichts Schlimmeres als das Gefühl, die Zeitung sei nicht mehr das, was sie früher war.“
2. Doch ein bisschen ändern! Ein bisschen modern! Denn „manchmal muss man Altbewährtes auch behutsam verändern, es den Zeitläuften anpassen und hie und da modernisieren.“ Man lese genau: Um aufs Moderne hinzuweisen, wird die Sprache ganz alt: „Altbewährtes“ (als wenn es Neubewährtes gibt), „Zeitläufte“ (damit ja keiner dem „Zeitgeist“ verfällt), „hie und da“.
3. Aha! Wir müssen ändern, damit uns die Leser nicht weglaufen! Denn – „eine Tageszeitung, die sich nicht verändert, bleibt stehen.“ Und übrigens haben wir uns „ohnehin immer wieder in kleinen Schritten verändert“. Nur – wie bei allen Zeitungen – machen solche planlosen Veränderungen die Ordnung selten besser, aber den Leser verwirrter und das Chaos chaotischer. Ein paar Zeilen weiter ist der Chefredakteur auch ehrlicher: Wir müssen aufräumen.
4. Wir treiben es aber nicht so wild wie andere Zeitungen! Denn – „manche Kollegen in anderen Zeitungen haben mit gewaltigen Relaunches ihre Leser mehr verschreckt als animiert.“ Ein Schelm, wer an die Frankfurter Rundschau denkt, die – wohl im Kontrast zur SZ – kein „ordentliches Blatt“ ist.
Wen nur meint Kurt Kister, wenn er schreibt: „Es gibt einen bestimmten neuen Typ eher kleinformatiger, etwas bunter Blätter mit nicht ganz so langen Texten, die bei Zeitungsdesignern beliebt sind, von vielen Lesern allerdings weniger geschätzt werden“?
Und wer legt bei der SZ die Designerhand an?
5. Wir haben den Designer-Jargon auch drauf, selbst wenn wir ein ordentliches Blatt sind! Die neue Schrift („evolutionär“!) ist „moderner, vielfältiger verwendbar und gefälliger“. Das sagt wenig, klingt aber gut.
„Mehr am Montag“, so schließt der Chefredakteur. Mehr am Montag.
(zu: Handbuch-Kapitel 40 „Das Layout“)
Die weibliche Form des „Arschlochs“ (Friedhof der Wörter)
Wie gehen wir mit den Frauen um? Sprachlich, wohlgemerkt.
Eine Leserin aus dem thüringischen Schloßvippach findet es übertrieben, wenn von „Leserinnen und Lesern“ geschrieben wird, von „Bürgerinnen und Bürgern“, „von Patientinnen und Patienten“. Und sie vermutet: „Damit soll wohl das weibliche Geschlecht nicht diskriminiert werden!?“
Nicht jede und jeder bekennt sich als Feministin oder Anhänger der Feministen, der in einer Anrede beide Geschlechter begrüßt – Frauen und Männer. Dies ist eine Frage der mitteleuropäischen Höflichkeit.
Wer unentwegt beide Formen nutzt, gar das große „I“ wie bei „LeserInnen“ schreibt, der gibt unsere Sprache der Lächerlichkeit preis. So berichtete der „Spiegel“ vor 25 Jahren über einen Prozess in München mit dem einleitenden Satz: „Auch Feministinnen neigen zu „hinterfotzigen Kampfmethoden“.
Angeklagt war die 56-jährige Hannelore Mabry, Chefin der Zeitschrift „Der Feminist“. Sie hatte, so die Anklage, auf einer Gewerkschafts-Tagung „DGB-Huren“ einfach „Arschlöcher“ genannt.
Der Amtsrichter, der mit Nachnamen auch noch Anke hieß, fragte die Angeklagte: „Finden Sie es richtig, andere Frauen als Arschlöcher zu bezeichnen?“
Die Kämpferin für die Rechte der Frauen entgegnete: „Erstens mache ich keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern; zweitens muss in manchen Fällen etwas im Interesse der Öffentlichkeit deutlich gesagt werden; und drittens habe ich nicht Arschlöcher, sondern Arschlöcherinnen gesagt.“
Recht hat sie, zumindest in den beiden ersten Punkten: Die Sprache macht keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern (und kennt beispielsweise nur den Sündenbock und keine Sündenziege); und deutlich muss unsere Sprache sein und immer und überall verständlich.
Vielleicht hat deshalb Richter Anke das Verfahren gegen die Kämpferin eingestellt – wegen Geringfügigkeit. Aber dies hat unsere Sprache nun nicht verdient.
Verfassungsrichter entlarven die politische Sprache (Friedhof der Wörter)
Juristendeutsch ist meist schwer verdaulich und nur selten ein Genuss. Das Bundesverfassungsgericht ist eine Ausnahme, die zu rühmen ist.
Manche Urteils-Begründung entzückt den Liebhaber der deutschen Sprache, selbst vor leicht ironischen Zwischentönen schrecken die Richter in den roten Roben nicht zurück. Gäbe es einen Literaturpreis für juristische Prosa, dann hätte ein Urteil gute Chancen, das der 2. Senat vor sechs Tagen verkündet hat – gegen Kanzlerin Angela Merkel, die systematisch den Bundestag an der Nase herumgeführt habe.
Statt die Abgeordneten in der Euro-Krise unverzüglich, genau und ausführlich zu informieren, habe sie die Volksvertreter mit Floskeln abgespeist – so die Richter einstimmig:
• Was sind ambitionierte Zeitvorgaben?
• Was ist ein Gesamtpaket (comprehensive package)?
• Was ist ein inoffizielles Dokument (non paper)?
• Was ist eine endliche Halbwertzeit?
• Was sind Ergebnisoptionen?
• Warum bieten Texte in englischer Sprache („term sheet“) Vorteile gegenüber deutschen?
Die Richter entlarven die politische Sprache, konkret: die Sprache der Regierung, als Sammlung von Phrasen, als Erniedrigung des Parlaments, kurzum: als Schaden für die Demokratie. Sie zitieren lustvoll und entlarvend einen Beamten des Finanzministeriums, der die Volksvertreter unwissend nach Hause schickte:
Wir legen die Entscheidungen zur Ertüchtigung nicht „kleckerweise“ vor, sondern in einem Paket.
Ergänzung: Leitartikel von Annette Ramelsberger in der SZ vom 22. Juni 2012 (zur Öffentlichkeit des Breivik-Prozesses in Oslo)
Das Gericht nahm die Bürger mit auf den Weg der Wahrheitsfindung. Auch davon kann Deutschland lernen – hier, wo Justitia oft mit einer Bugwelle von Bedeutung einherschreitet und stolz darauf ist, dass nur Ausgewählte sie verstehen. Und kein Richter sich Tränen erlauben würde – egal, wie angerührt er ist.
Heute um 20.45 Uhr: Fussball in Leopolis (Friedhof der Wörter)
Noch einmal: Lemberg; noch einmal die Stadt in der Ukraine, in der die deutschen Fußballer am Sonntag spielen und auf einen Sieg hoffen. Noch einmal: Der Name der Stadt, der zeigt, dass Worte nicht nur Worte sind, sondern aufgeladen mit Geschichte und Geschichten. Die Namen der Städte raunen uns zu aus längst vergessenen Epochen, künden von Träumen und noch öfter von Albträumen.
Und wir wissen es oft nicht mehr. Wir nutzen die Wörter im Alltag wie andere nützliche Gegenstände, wie ein Stück Seife oder eine Scheibe Brot. Sie sind Lebensmittel; also Mittel, um zu leben, um sich zu verstehen und zu verständigen.
Lemberg ist für die meisten Fernseh-Zuschauer einfach der Name einer ukrainische Stadt, in der deutsche Fußballer spielen. Dürfen Deutsche so unbekümmert mit den Namen umgehen? Mit der Geschichte?
Nein, schreibt empört ein Leser und verweigert sogar am Ende seines Briefs den freundlichen Gruß. Wer Lemberg schreibt statt Lwow, der schreibe „im Stil großdeutscher Denkweise“. Unser Leser blickt in die Geschichte: Lediglich von 1772 bis nach dem Ersten Weltkrieg hatte Lwow einen deutschen Namen. Er fährt fort:
„Was sollen also derartige Bezeichnungen in einer deutschen Zeitung? Oder sind Sie möglicherweise ein zu spät geborener Vertreter der Ideologie, die diese Gebiete nach wie vor als zu Deutschland gehörig ansehen?“
Wie denkt eine Schriftstellerin aus der Ukraine über den Namensstreit? „Wie soll ich den Namen meiner Heimatstadt schreiben?“, fragt Natalka Snjadanko und geht die Namen durch: Lwiw (ukrainisch)? Lwow (russisch)? Lemberg (deutsch)?
Leopolis will sie ihre Heimatstadt nennen, zurückgreifend auf den ältesten, den lateinischen Namen. Das sei politisch neutral, schreibt sie, entrücke den Streit in eine mythische Vergangenheit.
So ist auch die Dichterin kein Trost im Streit um Lemberg, den Namen und den rechten Umgang mit der Vergangenheit. Sie macht aber klar: Es sind nicht einfach nur Namen, die wir gebrauchen, nicht einfach nur Worte.
Der Text von Natalka Snjadanko steht in dem gerade erschienenen Sammelband „Totalniy Futbol – eine polnisch-ukrainische Fußballreise“ (Suhrkamp-Verlag, 18 Euro)
„Polnische Todeslager“ (Friedhof der Wörter)
„Terroristen lebten in einer konspirativen Wohnung in Zwickau“, so stand es in vielen Zeitungen.
Wie wird eine Wohnung konspirativ? Durch dunkle Möbel, grelle Lampen oder braune Tapeten?
Nein, eine Wohnung kann schön sein und hell, gemütlich und sauber − aber niemals konspirativ; vielmehr ist es eine Wohnung von Verschwörern, also von Menschen, die eine Konspiration planen.
Es gibt auch keinen morgendlichen Spaziergang, sondern nur einen Spaziergang am Morgen; kein elterliches Haus, sondern das Haus der Eltern oder das Elternhaus.
Ein Eigenschaftswort kann kein Hauptwort vertreten, weder die Konspiration, noch der Morgen, noch die Eltern. Wer es dennoch tut, kann im schlimmsten Fall sogar Völker gegeneinander aufbringen.
US-Präsident Obama ehrte einen Polen mit der Freiheitsmedaille und sprach von einem „polnischen Todeslager“, aus dem der Geehrte Berichte geschmuggelt hatte. Doch die Todeslager waren nicht polnisch, sondern von deutschen Nazis gebaut. Polnische Politiker, quer durch alle Parteien, gerieten in Rage und fragten den befreundeten US-Präsidenten:
- Warum verwischt er den Unterschied zwischen „polnischen Todeslagern“ und „Todeslagern in Polen“?
- Will er sagen, auch Polen hätten in den Nazi-Lagern getötet?
- Hat er vergessen, dass mehr als sechstausend „Gerechte unter den Völkern“ aus Polen kamen?
Eine Beleidigung des polnischen Volks!, sagt ein Politiker. Inkompetent!, ein anderer. Sogar der Ministerpräsident schaltet sich ein: „Wer von polnischen Todeslagern spricht, der spricht, als habe es keine Nazis gegeben, keine deutsche Verantwortung.“
Zwei befreundete Nationen streiten sich − nur weil der Präsident ein Hauptwort in ein Eigenschaftswort verwandelte.
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