Alle Artikel der Rubrik "Friedhof der Wörter"

Das längste deutsche Wort: Zwei Beispiele aus dem Westen und der DDR

Geschrieben am 2. Februar 2015 von Paul-Josef Raue.

Noch zwei Wortschlangen! Ein 86-jähriger Leser aus Erfurt-Melchendorf schickte zu dem Artikel „Andrea Nahles auf Rekordjagd“ zwei weitere Beispiele:

> Jahreslohnsteuerausgleichsantragsformular (40 Buchstaben) aus dem früheren bundesdeutschen Steuerrecht

> Kartoffelvollerntemaschinenersatzteilhersteller (45 Buchstaben) aus dem Vokabular der Wirtschaftsstatistik der DDR

Angela Nahles schaffte 58 Buchstaben.

Richard von Weizsäcker, eine Sprachmacht: Parteien machen sich den Staat zur Beute (Friedhof der Wörter Extra)

Geschrieben am 1. Februar 2015 von Paul-Josef Raue.

Bisweilen ist es ein Wort, das alles verändert, ein einziges Wort. Vierzig Jahre lang hatten die meisten Bürger im Westen Deutschlands den 8. Mai, am dem der Weltkrieg zu Ende ging, als Tag der Niederlage gesehen.

Am 8. Mai 1985 sprach  Richard von Weizsäcker als Bundespräsident nicht mehr von der Niederlage, sondern von einem „Tag der Befreiung“. Es war dies eine Wort „Befreiung“, und es zog – zumindest für den Westen Deutschlands – einen Schlussstrich  unter das brutalste Kapitel der deutschen Geschichte.

Die  „Befreiung“ war eine doppelte: Ein neues Wort für ein neues Denken von höchster Stelle; und der Abschied von dem lähmenden oder gar aggressiven Trauma der Niederlage, gar von Schmach oder . Die als historisch geltende Rede des Bundespräsidenten beschreibt auch Glück und Leiden der kollektiven Erinnerung: Wer ehrlich zurückblickt, wird freier, sich den Folgen verantwortlich zu stellen.

Erinnerung kann für die einen Verbitterung bedeuten, wenn Illusionen zerrissen sind, und für den anderen Dankbarkeit, wenn er einen neuen Anfang sieht. Wie in der persönlichen Erinnerung so ist es auch in der Erinnerung eines Volks nach dem Ende einer Diktatur: Der eine ist verbittert, der andere beglückt.

Richard von Weizsäcker starb am Sonnabend. Er war der Bundespräsident der Einheit: In seiner Rede zum 8. Mai 1985 sprach er auch von der Einheit, die viele im Westen schon aufgegeben hatten: „Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation. Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben.“

 Er war der Bundespräsident, der wie kein anderer verständlich und gewaltig sprach, sich keinem anbiederte und so unter den Politikern wenig Freunde fand – auch wenn die Nachrufe anderes vermuten lassen. Er sprach von den Parteien, die sich den Staat zu Beute machen. Das ist selbst Pegida nicht eingefallen.

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 2. Februar 2015

Pegida und die Sprache der Politik: Redet so, dass wir euch verstehen! (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 31. Januar 2015 von Paul-Josef Raue.

Ob man die Demonstranten mag oder nicht: Pegida hat den Unmut in die öffentliche Debatte befördert. Wir sprechen wieder über Politik.

Aber hat der Unmut nur mit dem Inhalt von Politik zu tun, mit Fremden, dem Islam und anderen Themen? Oder auch mit der Sprache der Politiker?

Die Ebert-Stiftung hat über dreißigtausend Jugendliche befragt: Warum tut ihr euch so schwer mit der Politik? Warum gehen immer weniger zur Wahl?

Das Interesse an der Politik ist viel höher, als wir vermuten. Acht von zehn jungen Leuten stimmen dem Satz zu: „Ich finde es wichtig, dass sich Menschen mit Politik auseinander setzen“. Und woran scheitert das Interesse? An der Sprache der Politiker: Unverständlich, mit Fremd- und Kunstwörtern sowie Beschönigungen durchsetzt; so klagen fast achtzig Prozent der jungen Frauen und fast siebzig Prozent der Männer. Dies sind einige der Beispiele, die Berufsschüler wählten:

> Das heißt nicht Nullwachstum, das heißt Stagnation. 
> Warum heißen Hausmeister Facility Manager?
> Früher hat man von einem Ausländeranteil gesprochen und jetzt spricht man von Migrationsanteil. Wofür jetzt diese Schönrednerei?

Spricht Pergida verständlicher? Schauen wir uns die Forderungen an:
>  Was ist „christlich-jüdisch geprägte Abendlandkultur“?
> Was sind „Parallelgesellschaften“?
>  Was bedeutet „Genderisierung“? 

„Redet so, dass wir euch verstehen!“, fordern nicht nur junge Leute – auch von Zeitungen. Knapp die Hälfte hält die Sprache der Redakteure für zu kompliziert.  

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 16. März 2015

Andrea Nahles auf Rekordjagd: Das längste deutsche Wort 2015 (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 25. Januar 2015 von Paul-Josef Raue.

Politiker sind eitel wie alle Menschen, die sich in der Öffentlichkeit präsentieren müssen, Journalisten inklusive. Herr Gauck will der beliebteste sein, Frau Merkel die erfolgreichste, Herr Steinmeier der bekannteste.

Frau Nahles, die Arbeitsministerin, möchte in den Umfragen auch nach oben steigen, will die bekannteste Politikerin werden, zumindest vor den Damen von der Leyen und Schwesig. Wie es ihr gelingen wird?

Mit Worten, genauer: mit dem längsten deutschen Wort 2015, das nicht einmal in eine Druckzeile passt: „Mindestlohndokumentationspflichteneinschränkungsverordnung“. Mit 58 Buchstaben übertrifft das Wort den 36-Buchstaben-Rekordhalter im Duden um Längen: Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung.

Selbst der legendäre „Donau-Dampfschifffahrtsgesellschafts-Kapitän“ umfasst gerade mal 42 Buchstaben, wird als Wortungetüm diffamiert und Schülern zur Abschreckung vorgeführt.

„Wer nie Deutsch gelernt hat, macht sich keinen Begriff, wie verwirrend diese Sprache ist“, notierte Mark Twain, der amerikanische Dichter des Tom Sawyer, als er vor gut hundert Jahren durch Europa reiste. Er versammelte die „Schrecken der deutschen Sprache“, die er konzentriert im längsten ihm bekannten Wort fand: „Gegenseitigengeldbeitragendenverhältnismäßigkeiten“.

Er kannte Andrea Nahles und ihre Wortgewalt noch nicht.

PS. Es geht noch länger: 85 Buchstaben sind in diesem Blog als der Allzeit-Rekord notiert.

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 26. Januar 2015

„Putin-Versteher“ , nicht „Lügenpresse“ war Unwort-Favorit des Publikums (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 19. Januar 2015 von Paul-Josef Raue.

„Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres. Es ist eine gute Wahl, denn ohne unabhängige Presse verwandelt sich eine Demokratie in eine feudale Herrschaft derjenigen, die mit Macht oder Geld dem Volk vorschreiben, was es wissen darf und denken soll. 

Erfüllt die Presse ihre Aufgabe nicht oder nur teilweise, wird es in einer Demokratie immer ein Forum für Kritik, Widerspruch und Aufklärung geben – bei fast 17 Millionen Tageszeitungen, die täglich verkauft werden. Zu Recht  begründet die Jury:  „Eine pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der Pressefreiheit.“

„Lügenpresse“ war aber nicht der Favorit der über tausend Bürger, die ihre Vorschläge eingereicht haben, ja stand noch nicht einmal auf den vorderen Rängen. Das Publikum stimmte so ab – und jeder kann so seinen eigenen Favoriten wählen:

1. Putin-Versteher / Russland-Versteher (dies Unwort kam bei der Jury immerhin in die engere Wahl wie auch „Erweiterte Verhörmethoden“ für Folter)
2. PEGIDA / Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes
3. Social Freezing 
4. Tierische Veredelung / Veredelungsindustrie / Veredelungswirtschaft 
5. Gutmensch / Gutmenschentum 

Ob die Jury, mehrheitlich in Professoren-Hand, beim nächsten Mal auch einen Publikums-Favoriten auszeichnet?

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Thüringer Allgemeine, Kolumne „Friedhof der Wörter“, 19. Januar 2015

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Die Jury:
Prof. Dr. Nina Janich/TU Darmstadt (Sprecherin), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier), Stephan Hebel (Journalist), Christine Westermann (Journalistin, als jährlich wechselnder Gast)

Die Begründungen der Jury:

„Lügenpresse“ war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampf-
begriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung
unabhängiger Medien. Gerade die Tatsache, dass diese sprachgeschichtliche
Aufladung des Ausdrucks einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem letzten
Jahr als „besorgte Bürger“ skandieren und auf Transparenten tragen, nicht
bewusst sein dürfte, macht ihn zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen,
die ihn gezielt einsetzen. Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und
nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel. Mit dem
Ausdruck „Lügenpresse“ aber werden Medien pauschal diffamiert, weil sich die
große Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer
vermeintlichen „Islamisierung des Abendlandes“ eine sachliche Darstellung
gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegen-
zusetzen. 

„Erweiterte Verhörmethoden“
ist aktuell geworden durch den CIA Bericht 2014; der Begriff hat sich in der Berichterstattung zu einem dramatisch verharmlosenden Terminus Technicus entwickelt. Der Ausdruck ist ein Euphemismus, der unmenschliches Handeln, nämlich Folter, legitimieren soll. Auch wenn er in deutschen Medientexten in distanzierenden Anführungszeichen steht, dient er letztlich dazu, das in seiner Bedeutung sehr klare Wort „Folter“ zu umgehen. Dass man sich die Sprache der Täter mit dieser Übernahme zu eigen macht und damit akzeptiert, ist bedauerlich.

„Russland-Versteher“

Zum Unwort wird dieser in der aktuellen außenpolitischen Debatte gebrauchte Ausdruck vor allem, weil er das positive Wort „verstehen“ diffamierend verwendet (und zwar ohne die Ironie, wie sie beispielsweise hinter der analogen Bildung des „Frauen-Verstehers“ steht). Wie Erhard Eppler im in seinem kritischen Essay „Wir reaktionären Versteher“ (Spiegel 18/2014 vom 28.04.2014) darlegt, sollte das Bemühen, fremde Gesellschaften und Kulturen zu verstehen, Grundlage einer jeden Außenpolitik sein, weil die Alternative nur Hass sein kann. Eine fremde Perspektive zu verstehen, bedeutet keinesfalls, damit zugleich Verständnis für daraus resultierende (politische) Handlungen zu haben. Andere polemisierend als „Versteher“ zu kritisieren, ist damit unsachlich und kann die inhaltliche Diskussion nicht ersetzen. Ein ganzes Volk zudem pauschal für eine politische Richtung haftbar zu machen und es mit dem Ausdruck „Putin-Versteher“ auf einen Autokraten zu reduzieren, zeugt von mangelnder Sprachreflexion oder aber gezielter Diffamierung.

Wie Wörter die Gefühle verwirren können – und deshalb nicht als Wort des Jahres taugen (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 2. Januar 2015 von Paul-Josef Raue.

Lichtgrenze? Das Wort des Jahres 2014? Ja, aber noch nie stieß die Wahl des Wortes auf so viel Unverständnis.

Wer hat nur die „Lichtgrenze“ erfunden? Gemeint sind die Ballons, die in Berlin am Jubiläums-Tag des Mauerfalls in den Himmel stiegen. „Das Wort spiegelt in besonderer Weise die großen Emotionen wider“, begründet die Jury ihre Wahl.

Genau das geschieht eben nicht. „Lichtgrenze“ provoziert ein Gefühls-Wirrwarr, weil es ein schönes Gefühl, das Licht, verbindet mit einem unschönen, der Grenze, der Mauer, dem Todesstreifen.

Wer Freude an unserer Sprache hat, kann sich seinen Favoriten aus denen wählen, welche die Jury in die engere Auswahl genommen hatte:

  • schwarze Null

  • Götzseidank

  • Russlandversteher

  • bahnsinnig

  • Willkommenskultur

  • Social Freezing

  • Terror-Tourismus

  • Freistoßspray

  • Generation Kopf unten

Da sind einige Wörter dabei, die auch für das Unwort des Jahres taugten: „Russlandversteher“, „Terror-Tourismus“ – oder „Generation Kopf unten“, auf die Jugend von heute bezogen, die unentwegt auf ihr Smartphone schaut, eben „Kopf unten“.

 

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Thüringer Allgemeine, 5. Januar 2015

Udo Jürgens in der DDR: Einer, der zwischen den Zeilen singen konnte (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 1. Januar 2015 von Paul-Josef Raue.
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Udo Jürgens war in der DDR beliebt, trat vier Mal auf – er war ja Österreicher, war „neutral“ – und hatte am Ende eine dicke Stasi-Akte. Der Sänger galt in Ostberlin zwar als einer, der sein Publikum mit leichten Texten unterhielt, aber trotzdem als unberechenbar galt – als einer, der zwischen den Zeilen singen konnte.

Zwischen den Zeilen singen – das mochte Udo Jürgens, wenn er nicht gerade „Aber bitte mit Sahne“ anstimmte. Am liebsten komponierte er Lieder mit Botschaften, leisen Botschaften. „Wie finde ich eine geniale Zeile, ohne verletzend zu sein“, fragte er sich, als er im September 1976, kurz nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann, in den Friedrichstadt-Palast kam.

Die Stasi setzte 25 Leute auf ihn an und wollte nach einer „politischen Provokation“ sofort „Ein Kessel Buntes“ stoppen. Udo Jürgens wusste, dass nur ausgewählte Leute der Partei im Saal saßen – aber auch die wollte er einfangen mit den Liedern, die leicht daherkamen, aber die Köpfe bewegten.

Er bewegte sie, erst mit dem scheinbar harmlosen „Und immer, immer wieder geht die Sonne auf“, was im Friedrichstadt-Palast nicht harmlos klang; dann mit „Es war einmal ein Luftballon“, ein Lied an der Grenze zur Provokation mit den Zeilen:

Er flog wie die Gedanken
die niemand hemmt und hält.
Sie kennen keine Schranken
die Luftballons der Welt…

Wir singen für dich,
wenn dir die Freiheit auf den Nägeln brennt.
Wir singen für dich,wenn man die eig’ne Meinung dir nicht gönnt!

Mit Wörtern und Liedern kann auch ein Udo Jürgens keine Revolution bewirken, aber Köpfe bewegen, das konnte er. Deswegen haben die Mächtigen auch Angst vor den Wörtern und Liedern, die zwischen den Zeilen ihre Botschaften verstecken und provozieren – ohne dass gleich ein Kessel Buntes explodiert.

Udo Jürgens starb am Sonntag vor Weihnachten.

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, Erscheinungstermin noch offen

Udo Jürgens und die Angst vor dem leeren Blatt – oder weißem Bildschirm (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 23. Dezember 2014 von Paul-Josef Raue.
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Wie kommen die Wörter zur Musik? Ist zuerst der Text, dann die Noten? Oder sind erst die Noten, für die Wörter gefunden werden?

Udo Jürgens ersann meist zuerst die Melodie – und suchte erst später die Texte, die zur Stimmung der Töne und zur Botschaft des Lieds passten. Das konnte Jahre dauern wie bei einem seinen größten Erfolge, der Gastarbeiter-Ballade „Griechischer Wein“.

Jürgens wollte keinen Urlaubs-Sonne-Strand-Text, er wollte ein Lied über Menschen, die aus dem warmen Licht des Mittelmeers in das kalte des Nordens kommen und sich als Fremde fühlen. Erst nach zwei Jahren fand sein Textdichter Michael Kunze die Verse zur Musik: Auf „Hügel, Meer und Wind“ reimten sich „junge Frauen, die alleine sind“ und das „Kind, das seinen Vater noch nie sah“.

Als Udo Jürgens seinen Freunden einmal am Klavier eine Melodie vorspielte und genervt rief: „Dazu fällt mir nichts ein“, fiel ihm einer ins Wort und in die Melodie: „Genau das ist der Text!“ So entstand „Was ich Dir sagen will“, das mit dem „Horror vacui“ beginnt, der Angst aller Dichter, Liedttexter und Journalisten vor dem leeren Blatt – oder leeren Bildschirm:

„Das Blatt Papier vor mir bleibt weiß und leer. / Ich find‘ die Worte nicht, doch glaube mir: /. Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier.“

Udo Jürgens suchte die rechten Wörter und Botschaften so ausdauernd und akribisch wie kein anderer der Musiker, die wir als U-Musiker gerne ins Abseits stellen. Er starb am Sonntag vor Weihnachten mit 80 Jahren.

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Thüringer Allgemeine 29. Dezember 2014

Weihnacht – auf den Spuren eines Wortes: „Leider ein Freßtag!“ (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 21. Dezember 2014 von Paul-Josef Raue.
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Weihe oder Wein? Woher stammt „Weihnachten“, das Wort? Von der geweihten Nacht? Michael Prätorius dachte an – den Wein!

Prätorius,  vor  knapp fünfhundert Jahren nahe Eisenach geboren, komponierte eines der bekanntesten Weihnachtslieder: „Es ist ein Roß entsprungen“;  er dachte nicht an die geweihte Nacht, sondern eben an den Wein:

„Weihnachten hat den Namen vom Weine, weil mitten in der Nacht alle Wasser zu Weine werden“, schrieb er – und könnte er aus seinem himmlischen Quartier auf deutsche Heiligabend-Feiern schauen, würde ihm der Spott vergehen.

Im späten Mittelalter ist die Deutung als Wein-Nacht mehrfach zu finden. Dem zornigen Prediger Abraham a Santa Clara, der den Österreichern ins Gewissen redete, kam diese Deutung gerade recht:

„Wie oft wird die heilige Weinacht zu einer Wein-Nacht“ wetterte er und fuhr fort: „Was ist der Festtag? O leider! Ein Freßtag!“  Diese Wutpredigt hört  sich modern an, ist aber schon  knapp vierhundert Jahren alt.

Nun ist einem nach reichlichem Wein-Genuss feierlich zumute, doch das Feierliche und Heilige der Weihe liegt unserer „Weihnacht“ zugrunde. Es ist ein recht junges Wort: In der Bibel finden wir es nicht, erst vor achthundert Jahren taucht die „wihe naht“ erstmals in einem Schriftstück auf.

Moderne Versuche, „Weihnacht“ abzuschaffen, sind nur satirisch erfolgreich wie bei Reinhard Ulrich, dem Autor vom „Spur der Broiler“. Er fand oder erdichtete die DDR-Fassung eines bekannten Lieds, die umgedichtet umgehend auf unseren Friedhof gehört:

„Oh du ölige, o du mehlige, bratenbringende Jahresabschlussbilanzzeit.“ 

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 22. Dezember 2014

Warum ist „Maria durch ein Dornwald ging“ eines der erfolgreichsten Adventslieder? (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 14. Dezember 2014 von Paul-Josef Raue.

Wer sich durch ein Dornen-Gestrüpp schlängelt, muss sich tief bücken – sonst verhakt sich die Mütze im Strauch, bekommt die Jacke einen Riss und das Gesicht eine Ratsche. Vor rund zweihundert Jahren mag sich ein unbekannter Dichter durch ein Gestrüpp im Eichsfeld gequält haben, es dürfte frostig gewesen sein. Er schrieb danach ein Lied, das heute zu den bekanntesten im Advent zählt – weil es, im Gegensatz zur stillen und heiligen Nacht, unsentimental ist und schwer daherkommt: „Maria durch ein Dornwald ging“.

Es gibt bei uns keinen Dornwald, er ist typisch für tropische Gebiete, in denen es fast nie regnet. Aber wir können ihn uns vorstellen: Ein mystischer Ort während der kalten Tage vor Weihnachten.

Die Hauptwörter in dem Lied sind kurz, meist zweisilbig, und von Vokalen durchdrungen – wie alle Wörter, die uns berühren, von Herz bis zu Schmerz; es gibt keine überflüssigen Adjektive, abgesehen vom „kleinen Kindlein“. Unserem Drang, kein Wort zu wiederholen, verweigert sich der Dichter: Maria wird nicht zur Jungfrau oder Gottesmutter, sie bleibt Maria – sieben Mal; das Kindlein bleibt Kindlein, die Dornen bleiben Dornen, alles wiederholt sich und reimt sich und prägt sich ein wie in der dritten Strophe:

Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.
Jesus und Maria.

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Thüringer Allgemeine 15. Dezember 2014

Das Lied mit den drei Strophen, wie sie heute gesungen werden:

Maria durch ein Dornwald ging,
Kyrie eleison.
Maria durch ein Dornwald ging,
der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.
Jesus und Maria.

Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.

Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.
Jesus und Maria.

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