Tebartzen ist asozial und Hayvan ein Tier: Die Jugendwörter des Jahres (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 2. August 2014 von Paul-Josef Raue.

Wer jung ist, redet anders: politisch unkorrekt, seltsam, unverständlich – zumindest für die  Eltern und Großeltern. Wer jung ist, schafft sich eine eigene Welt, eine eigene Sprache, eine eigene Musik – wie in diesem Rap von  KC Rebell:

Kein ,Hallo’und kein ‚Wie geht’s‘. Ach Bruder, lass mich mal in Ruh. Das hier ist Asozialität. Ich bin ein Hayvan von Beruf.

Hayvan? Ja, Hayvan ist türkisch und das deutsche Jugendwort, das junge Leute mit weitem Abstand am meisten wählten. Hayvan bedeutet „Tier“ – und gewinnt seine Bedeutung erst durch die Betonung oder eine Situation: Es kann bedeuten „Du bist – wie ein Hund  – ein guter Freund“ oder auch „Du bist ein Dummer wie ein Schaf“.

Typisch für die Jugendsprache ist – korrekt oder peinlich – das Spiel mit den Wörtern, etwa mit „Asozial“, das im erwachsenen Wörterbuch der politischen Korrektheit nur auftaucht in der Rubrik „Verboten!“

„Asozial“ kommt bei Jugendlichen oft vor, etwa in  „Assi-Stempel“, das sind Tätowierungen – die allerdings nicht in die Spitzengruppe der beliebtesten Jugendwörter des Jahres gelandet sind.

Blöde Wörter – aber unpolitisch, mag denken, der dem Trugschluss aufsitzt, junge Leute interessierten sich nicht für Politik. Weit gefehlt. 

„Wulffen“ war vor einigen Jahren ein beliebtes Jugendwort in Anspielung auf den gescheiterten Bundespräsidenten. „Tebartzen“ sagen junge Leute, wenn sie sich etwas unverschämt Luxuriöses kaufen – in  Anspielung auf den Limburger Bischof, der Wasser predigte und  goldene Badewannen anschaffen wollte.

Auch mit dem „Migrationshintergrund“ spielt die Jugendsprache und schafft für arrogante Studenten, die nicht mal einen Kasten Bier schleppen  können: den „Immatrikulations-Hintergrund.“ Gar nicht unpolitisch sind auch „Obamern“ für abhören und „entsnowden“ für aufdecken.

So läuft es eben bei dir! Dieser ironische Spruch für alle Gelegenheiten kam auf Platz zwei. Und da junge Leute Ironie mögen und offenbar auch verstehen, wählten sie „Gönn Dir“ auf den dritten Platz. 
 

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Das sind die 30 Nominierungen für das Jugendwort des Jahres (Abstimmung bis Ende Oktober 2014)

>Zur Zeit (3.10.) weit vorn: Fappieren (Selbstbefriedigung bei Jungs)

> Platz 2: Hayvan 

> Platz 3: Läuft bei dir (Redewendung für: „Du hast es drauf!“ Synonym für „cool“, „krass“)

> Abgeschlagen:
Immatrikulationshintergrund (Person, die nicht richtig anpacken kann und ungeschickt ist und daher studiert hat) / Gönn dir! (Ironischer Wunsch) / Fußpils (Bier für unterwegs) / Bitch, please! (Lässige Antwort auf eine Selbstverständlichkeit) / Tebartzen (Sich etwas Teures leisten) / Selfie (Foto-Selbstportrait)

> So gut wie ohne Resonanz:
Minus (Nein) / Lass Haare wehen (Beeil dich!) / Obamern (abhören) / Senfautomat (Klugscheißer) / Beta (Einer mit wenig Selbstbewusstsein) / Assi-Stempel (Tätowierung) / Foodgasm (Glücksgefühl bei sehr gutem Essen) / GOML (get on my level – Ausdruck der Überlegenheit) / Twerken (Tanzstil mit starkem Hüfteinsatz) / Entsnowden (aufdecken) / insta– (Vorsilbe für beliebige Adjektive und Nomen) / Like-Geilheit (Markierung mit „Gefällt mir“) / Bürgersteigdeko (Hundehaufen) / sugly (Selfie, auf dem man bewusst eine Schnute zieht) / Therapier mich nicht! (Nerv mich nicht!) / Du Propa! (Propaganda und Angeberei) / SOS (same old shit / Immer die gleiche Scheiße) / Stressieren (Mischung aus „stressen“ und „pressieren“) / Hängs! (Vergiss es!) / Emoxif (Zickiges  Verhalten) / FOMO (fear of missing out – Angst, was zu verpassen)

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