Amerikaner lieben „bratwurst“ (Friedhof der Wörter)
Vor allem junge Leute, die bei „I love you“ schmelzen, mögen amerikanische Wendungen, für die sich sogar ein eigenes Wort ins Deutsche geschlichen hat: Anglizismen. Auch Werber mögen die amerikanischen Wörter in der deutschen Sprache, wenn sie den „Sale“ ins Schaufenster schreiben oder „Service Point“ in den Bahnhof.
Nicht nur wir Deutsche mögen Wörter aus Amerika, auch Amerikaner mögen deutsche. Etwa anderthalb Millionen Amerikaner sprechen deutsch sogar in der Familie, ein paar hundert deutsche Wörter gehören zum Sprachschatz der Menschen zwischen Boston und Los Angeles.
„Bratwurst“ und „sauerkraut“, „leberwurst, schnitzel“ und „schnapps“ – wenn Amerikaner von Essen und Trinken sprechen, entlehnen sie mit Vorliebe unsere deutschen Wörter. In Alaska und auf Hawaii feiern sie mit bajuwarischer Begeisterung das „oktoberfest“.
Auch Schwermut scheint so typisch deutsch, dass sich „weltschmerz“ und „waldsterben“, „angst“ und „kaputt“ in amerikanischen Zeitungen finden. Und weiter: „plattenbau“ und „kindergarten“ schätzen die Amerikaner so sehr, dass sie keine eigenen Wörter dafür prägen wollten. Die deutsche Sprache ist eine der schönsten Sprachen der Welt, wie uns die Amerikaner beweisen – „zigzag“.
(Thüringer Allgemeine, 20. August 2012)
Schlussverkauf beim Segeln (Friedhof der Wörter)
„Salem aleikum“ ist arabisch und bedeutet: „Friede sei mit Euch!“. So begrüßen sich die Menschen von Istanbul bis Mekka. Arabisch zieht auch in die Werbung unserer Kaufhäuser ein, ein bisschen abgewandelt, wie wir es im Vielsprachen-Kauderwelsch unserer Tage gewohnt sind: „Sale“.
Wir verwandeln dabei den arabischen Frieden in einen deutschen Schlussverkauf. Unsinn, sagen Menschen, die der englischen Sprache mächtig sind. „Sale ist englisch und wird ganz anders ausgesprochen, nämlich: sähl.“
Wer des Englischen weniger kundig oder unkundig ist, wird fragen: Was hat der Schlussverkauf mit dem Segeln zu tun? In der Tat liegt die Aussprache von „sale“ wie „kaufen“ und „sail“ wie „segeln“ nahe beieinander. Um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben, hat „sale“ im Englischen eine Doppelbedeutung: der ganz normale Kauf zu normalen Preisen ebenso wie der Schlussverkauf.
Bei so viel Verwirrung wundert man sich über den rasanten Aufstieg des Wortes „Sale“ im Deutschen, erst recht in deutsch-arabisch-englischen Kombinationen wie „Sommer-Sale“.
Werbe-Experten begründen den „Sale“ mit der Kürze des Wortes: Es springt den Käufern ins Gesicht, kann in Riesenbuchstaben geschrieben werden − im Gegensatz zu den drei Silben des deutschen „Schlussverkauf“, die zudem so reizvoll zu lesen sind wie ein Bußgeldbescheid.
Beide Wörter taugen nicht: „Schlussverkauf“ ist lustlos, „Sale“ für viele unverständlich. Wem fällt ein Wort ein, verständlich und schön?
Kann man den Mittag essen? (Friedhof der Wörter)
„Die Eltern gehen Mittag essen.“ So stand es in der Zeitung. Ein eifriger Leser stutzte und schrieb: „Ich persönlich hätte erstens: Mittagessen zusammen geschrieben; zweitens gefragt: Kann man überhaupt Mittag essen?“
Er entschuldigt sich mit einem englischen Wort, das mittlerweile selbst verzweifelt kämpfende Sprachpfleger schätzen: „Sorry, wenn ich etwas zu spitzfindig bin oder kleinkariert.“
In der Tat kann man den „Mittag“ nicht essen, er ist eine Tageszeit, somit ungenießbar. Doch selbst die Zeitangabe ist schon aus dem Wort entwichen.
Die Mitte des Tages ist der „Mittag“, ist, so der Dichter, die Bezeichnung der Zeit, „da die Sonne gleich weit vom Aufgange wie vom Niedergange steht“. Folglich müsste das Wort, regelrecht, mit drei „ttt“ geschrieben werden: Mitt-tag“.
Doch unsere Alltagssprache kümmert sich nicht immer um Regeln, sie plappert daher und ist dennoch verständlicher als manche Expertensprache. „Mittag essen“ meint „zu Mittag essen“, ist eine Verkürzung, die das Volk, sparsam und wortkarg, erst hingenommen, dann übernommen hat.
Goethe schrieb den Mittag und das Essen noch zusammen: „Wir bestellten uns auf morgen ein Mittagessen.“ Der Duden trennt den „Mittag“ und das „essen“, nicht ohne Sinn, denn „zu Mittag essen“ zwingt zur Getrenntschreibung.
Mit Goethe könnten wir auch anders schreiben. Doch immer wenn des Volkes Sprache zum Allgemeingut wird und in den Duden wandert, ist es zweckmäßig, sich auf eine Regel zu einigen – bis zur nächsten Änderung.
(nach der Thüringer Allgemeine vom 29. Mai 2012)
Sprich verständlich! – Friedhof der Wörter
„Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das ist verdeutschet: Schädelstätt“ – so singt der Evangelist in einem beeindruckenden Musikwerk, in Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“. In diesem Satz steckt eine komplette Philosophie der Sprache: Sprich so, dass jeder Dich versteht!
Der Evangelist wirft dem Zuhörer nicht einfach ein fremdes Wort an den Kopf, er benennt seinen Sinn – damit der andere versteht. Das ist beste Luthersche Tradition.
Der Mönch aus Erfurt hat den Eliten und Wohlgebildeten seiner Zeit, den Priestern und Würdenträgern, den Mächtigen und Edlen ihr Monopol auf den Gebrauch der Bibel entrissen – indem er sie aus der Fachsprache, damals das Lateinische, in die Sprache des Volkes übersetzte.
Das war das Ketzerische: Sprich so, dass jeder Dich versteht! Das gilt heute wie vor fünfhundert Jahren. Wer sich in Experten-Latein und Fachsprachen einmauert, will nicht mal den Experten des Nachbar-Fachs sehen; wer mit Anglizismen Werbung treibt, vergrault Kunden und schadet der Marke.
Wer so die Gesellschaft spaltet, die sich durch eine gemeinsame Sprache bestimmt, sollte am Karfreitag Bach hören: „Das ist verdeutschet“!
THÜRINGER ALLGEMEINE vom 02.04.2012, S. 14
Deutscher Rekord: 85-Buchstaben-Wort (Friedhof der Wörter)
Die englische Sprache hat ihre Vorzüge. Ihre Wörter sind in der Regel kürzer als die deutschen. So haben sich lange vor Erfindung der Anglizismen schöne Einsilber in die deutsche Sprache eingenistet: Die „Bar“ zum Beispiel, das „Steak“ und der „Toast“.
Bei Bar und Steak fällt niemandem, selbst dem eingefleischten Englisch-Hasser, ein deutsches Wort ein, das sich mit dem englischen messen könnte. „Toast“ oder „Röstbrot“? Freunde der deutschen Sprache, die den „Anglizismen-Index“ herausgeben, können sich das „Röstbrot“ durchaus vorstellen; und den „Toaster“ als „Brotröster“.
Auch das „Röstbrot“ ist ein kurzes, sogar bildhaftes Wort. Doch es taugt nicht für den Alltag. Wer im Restaurant einen Salat bestellt mit Röstbrot, der wird den verdutzten Blick der Kellnerin aushalten müssen. „Ach so, Sie meinen einen Toast!“
Den Ehrgeiz der Deutschen, sehr lange Wörter zu bilden, teilen Engländer und Amerikaner nicht. Ein Wort mit 85 Buchstaben ist im Englischen unmöglich. 85 Buchstaben – das ist deutscher Rekord, vor zehn Jahren entdeckt von der Duden-Redaktion in der „Neuen Zürcher Zeitung“.
Das längste Wort, das mindestens vier Mal belegt ist, hat 67 Buchstaben. Mit diesen Bandwurm-Wörtern endet diese Kolumne. Mehr Qual soll nicht sein:
85: Schauspielerbetreuungsflugbuchungsstatisterieleitungsgastspielorganisationsspezialist
67: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung
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